Im Jahr 2015 wird Karlsruhe 300 Jahre alt. Die Stadt hat im Januar 2007 den "Karlsruhe Masterplan 2015" beschlossen. Mit diesem Orientierungsrahmen, an dem alle Verantwortlichen ihre Entscheidungen und ihr Vorgehen ausrichten sollen, möchte man die badische Stadt für die Zukunft rüsten. Ein Element ist der Ausbau von Ganztagsschulen. In einer von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe am 10. und 11. Juli 2009 organisierten Zukunftswerkstatt "Ganztagsschule entwickeln - Karlsruhe 2015" kamen alle am Prozess Beteiligten zusammen, um diese Entwicklung anzustoßen.
Im Jahr 2015 feiert Karlsruhe seinen 300. Geburtstag. In welche Richtung soll sich die Stadt bis 2015 entwickeln? Wie soll die Stadt aussehen, und wie wird sie fit für die Zukunft? Um Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, wurde der "Karlsruhe Masterplan 2015" entwickelt und am 23. Januar 2007 vom Gemeinderat als Orientierungsrahmen beschlossen.
Bürgerschaft, Politik, Verwaltung, verschiedene Institutionen, Vereine und Verbände waren auf vielfältige Weise an dem 17 Monate dauernden Entwicklungsprozess beteiligt. Unter anderem boten eine Passantenbefragung, eine Internet-Umfrage, Interviews, eine Zukunfts- und eine Bürgerkonferenz der Bevölkerung die Möglichkeit, ihre Ideen, Anregungen und Vorstellungen vom Karlsruhe der Zukunft in den "Karlsruhe Masterplan 2015" einzubringen. Am Ende entstanden zwölf Handlungsfelder, in denen 47 Leitprojekte umgesetzt werden sollen.
Unter dem 4. Handlungsfeld "Miteinander" findet sich der Bereich "Bildung und Betreuung". Hier heißt es: "Bedarfsgerechter Ausbau der Betreuungsangebote an Schulen. Bis zu 1/3 Ganztagsplätze an allgemein bildenden Schulen." In jeder Schulart sollen bedarfsorientiert Ganztagsschulplätze entstehen.
Skepsis abbauen
Besieht man sich die Gegenwart, ist dies ein ambitionierter Plan, den die Stadt sich für die kommenden sechs Jahre vorgenommen hat. Bisher arbeiten von den 100 Schulen in Karlsruhe drei Grundschulen und vier Hauptschulen als teilgebundene Ganztagsschulen, ein privates und ein öffentliches Gymnasium als vollgebundene Ganztagsschule sowie eine Hauptschule als vollgebundene Ganztagsschule.
Was Joachim Frisch, dem stellvertretenden Amtsleiter des Schul- und Sportamtes, dabei Sorgen machen muss, ist der Trend rückläufiger Anmeldezahlen, die Wartelisten gehören der Vergangenheit an. Über die Gründe kann Frisch nur mutmaßen: "Stimmen die Konzepte der Schulen noch?" Daneben scheint es schwierig, die Halbtagsschulen zu motivieren, sich mit Ganztagskonzepten zu befassen. "Viele wagen sich an dieses Thema nicht heran, weil sie Angst haben, keine Unterstützung bei dieser Schulentwicklungsarbeit zu erhalten", musste Frisch erfahren.
Am 13. März 2009 luden das Schulamt und die Pädagogische Hochschule zu einer Informationsveranstaltung ein. "Wir wollten der ,Das geht alles nicht'-Stimmung Informationen entgegensetzen", beschreibt der stellvertretende Amtsleiter den Zweck des Treffens, an dem 20 Ganztags- und Halbtagsschulen teilnahmen. "Durch die Schulsozialarbeit, das Jugendbegleiterprogramm des Landes und auch Mittel der Stadt für das Engagement von Sportvereinen und für künstlerische Aktionen in den Ganztagsschulen gibt es durchaus Mittel und Unterstützung", erklärt Frisch. Durch die Präsentation dieser Unterstützungssysteme konnte man Frisch zufolge Skepsis abbauen.
Betreuungsbedarf ist da
Das scheint auch dringend geboten, denn der Betreuungsbedarf ist eindeutig vorhanden. Doch weil die Schulen mit der Einführung von ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten zögern und die Eltern ihre Kinder lieber im Hort anmelden, ist die Stadt momentan gezwungen, den Bedarf durch den Ausbau der Hortplätze zu decken - in Containerbauweise: Nach der von der Stadt erhofften Verlagerung der betreuten Kinder in die Ganztagsschulen könnten diese dann wieder rückgebaut werden und es wären keine Fakten geschaffen.
Ein laut Joachim Frisch "weiterer Stein auf dem Weg" zum Ausbau der Ganztagsschullandschaft bildete die am 10. und 11. Juli 2009 in der Europahalle veranstaltete "Zukunftswerkstatt" der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe "Ganztagsschule entwickeln - Karlsruhe 2015 - Herausforderungen, Visionen, Umsetzungen".
Rund 100 Personen waren der Einladung gefolgt, um sich über konkrete Möglichkeiten zukunftsfähiger Ganztagsschulentwicklung auszutauschen und anknüpfend an gemeinsam entwickelte Visionen Umsetzungsschritte zu definieren: Neben Vertreterinnen und Vertretern bestehender Ganztagsschulen sowie von Stadt und Ämtern waren Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Eltern, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gekommen.
Zukunftswerkstatt zur Schulentwicklung
Dr. Timo Hoyer, Privatdozent an der PH Karlsruhe, erläuterte, die Idee für die Zukunftswerkstatt sei ihm durch den für November 2009 an der PH Karlsruhe angekündigten Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes gekommen: "Vor diesem Hintergrund möchten wir die Gelegenheit nutzen, den Aufbau einer vernetzten Ganztagsschulregion Karlsruhe 2015 anzustoßen. Wir wollen fragen, wie die Karlsruher Ganztagsschulregion beziehungsweise unsere Ganztagsschule im Jahr 2015 aussehen wird, wenn wir sie so entwickelt haben, wie wir sie uns wünschen." Die Hoffnung sei, dass am Ende der Veranstaltung verbindliche Handlungsempfehlungen zustande kämen.
Timo Hoyer kennt Prof. Olaf-Axel Burow von der Universität Kassel. Burow hat bereits vielfältige Erfahrungen mit der Planung und Durchführung von Zukunftswerkstätten gesammelt. Den bestehenden Kontakt nutzten beide Wissenschaftler nun zur Planung der Zukunftswerkstatt in der Europahalle. Zur Eröffnung der Veranstaltung sagte Prof. Dr. Gabriele Weigand: "Ich sehe die Zukunftswerkstatt als Chance, Schulentwicklung zu betreiben. Am Schluss des Prozesses sollen Ganztagsschulen stehen, in denen man sich gerne aufhält."
Harald Denecken, Erster Bürgermeister der Stadt Karlsruhe, riet den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: "Seien Sie mutig und offen! Öffnen Sie Ihre Tore!" Die Akteure wurden gefordert, über eigene Erfahrungen in der Schule zu reflektieren und diskutieren. "Die immer ins Feld geführten hinderlichen Rahmenbedingungen sind nur die halbe Wahrheit", gab Burow den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf den Weg. Statt linear zu denken und mit einem "Mehr desselben"-Prinzip in die Enge zu kommen, solle man "transformativ" denken. Dies könne durch die Freisetzung positiver Bilder geschehen.
Idee von der "Schule als Dorf"
In der ersten Phase der Zukunftswerkstatt "Wertschätzende Schulentwicklung" sollten diese positiven Bilder durch die Erinnerungen und Schilderungen von zufriedenstellenden Ereignissen im Schulalltag hervorgerufen werden. In Gruppen von acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern schilderten sie sich diese gegenseitig. Von einem allein von Schülerinnen und Schülern organisierten Klassenrat über den gelungenen Aufbau einer Diagnoseklasse in einer Förderschule bis zu einem Teamteaching von drei Kolleginnen, das als sehr gewinnend erlebt wurde, kamen unterschiedlichste Themen zusammen.
Vielen dieser unterschiedlichen Erfahrungen lagen gemeinsame Qualitäten zugrunde: Gegenseitige Wertschätzung, Räume, in denen Gemeinschaft erlebt werden kann, sowie das Aufheben der Fragmentierung im Schulalltag - sei es im zeitlichen Ablauf oder in der Kooperation innerhalb des Kollegiums und zwischen verschiedenen Professionen. "Qualität entsteht nicht durch abzuhakende Listen", erklärte Burow dazu, "sondern es sind diese Bereiche, die eine gute Schule wahrscheinlicher werden lassen."
Damit gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die "Visionsphase", in der sie sich ihre Traumschule ausmalen sollten. Häufig kamen dabei die Vorstellungen der "Schule als Dorf" heraus - zum Beispiel mit Werkstätten, Bibliothek, See, Klettergarten, Tieren und Sportplätzen. Experten, Kooperationspartner und Erzieherinnen und Erzieher sind integriert. Frühstück und Mittagessen werden gemeinsam eingenommen. Es gibt eine lange Mittagspause, mehr Bewegungsangebote, einen größeren Lebensbezug, ein neues Bewertungssystem, kleine Lerngruppen mit bis zu 15 Schülerinnen und Schülern und mehr Möglichkeiten zur individuellen Förderung. Lehrerinnen und Lehrer sind länger an der Schule präsent. Schülerinnen und Schüler wünschten sich unter anderem ein Schwimmbecken oder mehr Computerunterricht. "Die Idee vom Campus taucht immer wieder auf", ging Olaf-Axel Burow auf diese Ideen ein, die ihm auch auf anderen Zukunftswerkstätten begegnet sei.
Visionen werden zu Vorhaben
In der dritten Phase ging es um die Umsetzung. Der von einem Teilnehmer als positiv gekennzeichnete Mix aus Professionen und Institutionen konnte dabei genutzt werden, um für die in Angriff zu nehmenden Vorhaben Ansprechpartner zu finden, die vielleicht in einem entsprechenden Bereich schon einen Schritt weiter sind und mit ihrer Expertise helfen können.
Die von den Schulen genannten Vorhaben waren konkret: Die Einführung eines 90-minütigen Blockunterrichts und eines freien Nachmittagsunterrichts nach Neigung mit einem Kurssystem sowie ein gemeinsames Mittagessen für alle. Ein späterer Schulbeginn am Morgen, das Organisieren von jahrgangsübergreifendem Unterricht und von einem Runden Tisch mit Schulleitung, Lehrkräften, Eltern, Schülerinnen und Schülern, Studentinnen und Studenten, Erzieherinnen und Erziehern sowie Wissenschaftlern von der Pädagogischen Hochschule.
Olaf-Axel Burow verwies auf die erfolgreiche Methode "Schulen lernen von Schulen". Am Ende der Zukunftswerkstatt konnte Joachim Frisch vom Schul- und Sportamt erfreut eine "Aufbruchstimmung" konstatieren.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 21.07.2009
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