Das Bundesjugendkuratorium hat mit seiner Stellungnahme "Partizipation von Kindern und Jugendlichen - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit" Ende Juni 2009 eine Bestandsaufnahme der Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland geliefert und Handlungsempfehlungen für die Politik gegeben. Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu von der Universität Bremen, die stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums ist, erläutert im Interview das Papier.
Online-Redaktion: Prof. Karakasoglu, das Bundesjugendkuratorium, dem Sie als stellvertretende Vorsitzende angehören, hat Ende Juni die Stellungnahme "Partizipation von Kindern und Jugendlichen - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit" veröffentlicht. Wie ist diese Veröffentlichung zu Stande gekommen?
Yasemin Karakasoglu: Eine kleine Arbeitsgruppe innerhalb des Bundesjugendkuratoriums, dem 14 Mitglieder angehören, hat diese Stellungnahme verfasst und dann in einem langen Diskussionsprozess mit allen Beteiligten diskutiert, redigiert und strukturiert. Unsere Stellungnahme ist eines von inzwischen fünf vom Kuratorium herausgegebenen Papieren, und der Entstehungsprozess ist stets recht langwierig: Mit Hearing, Beratung und Texterstellung kann das Erstellen eines solchen Textes bis zu einem Jahr dauern.
Online-Redaktion: In wessen Auftrag erarbeiten Sie ihre Stellungnahmen?
Karakasoglu: Wir sind 2006 vom Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend berufen worden, beraten aber in Fragen der Kinder- und Jugendpolitik ministerienübergreifend.
Online-Redaktion: Weshalb haben Sie sich des Themas Partizipation angenommen?
Karakasoglu: Zu Beginn unserer Arbeit als Gremium haben wir die aus der Sicht der Mitglieder relevanten und bislang nicht genügend berücksichtigten Themen gesammelt und eine Prioritätenliste erstellt, die mit dem BMFSFJ abgestimmt wurde. Neben den Themen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kindertagesstätten und Schutz vor Kindeswohlgefährdung war dies auch die Partizipation. Alles Themen, die unserer Ansicht nach wissenschaftlich noch nicht ausreichend bearbeitet waren, um Impulse in die Politik geben zu können, und von der Politik wiederum noch nicht kohärent genug aufgenommen worden waren. Themenfelder, die umgekehrt von der Politik an uns herangetragen wurden, sind Jugendpolitik und Gender.
Online-Redaktion: Liest man Ihre aktuelle Stellungnahme zur Partizipation, bekommt man den Eindruck, dass diese noch deutlich ausbaufähig ist...
Karakasoglu: Das Bundesjugendkuratorium versteht demokratische Partizipation nicht nur als Regierungs-, sondern sehr umfassend als Lebensform. Die Familie stellt die Weichen für so etwas wie ein Mitbestimmungsverständnis, das in ein Demokratieverständnis mündet. Hier geschieht die Umsetzung dieser Lebensform auch relativ umfassend, allerdings unterscheidet sie sich nach Bildungsstatus und sozialer Situation der Familien.
Darüber hinaus haben alle Institutionen, in die Jugendliche in formellen und informellen Bildungsprozessen eingebunden sind, die Aufgabe, diese an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Das ist in der UN-Kinderrechtskonvention verankert, der Deutschland beigetreten ist. Es bleibt aber häufig ein Lippenbekenntnis. Man propagiert es als wichtiges soziales Lernziel in den Schulen, dort findet es aber keinesfalls durchgängig und verbindlich verankert seinen Niederschlag.
Hier mahnen wir die Verantwortung der verschiedenen Erziehungs- und Bildungsinstitutionen und der Verwaltungsebenen an, sich dieses Handlungsbedarfs deutlicher bewusst zu werden - und zwar nicht nur in einer funktionalen Sichtweise, der zufolge man später gerne mündigere Bürger hätte, die verantwortungsbewusst von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Sondern aus der Einsicht heraus, dass es sich um das Recht der Kinder und Jugendlichen handelt, in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung mitzuwirken. Dies ist auch kein bloßes Recht, das von Erwachsenen großzügigerweise für Bereiche gewährt wird, die ihnen nicht weh tun.
Online-Redaktion: Warum ist die Partizipation institutionell so schwach ausgeprägt?
Karakasoglu: In unseren Papieren analysieren wir auch stets, wodurch der Ist-Zustand historisch und sozialwissenschaftlich bedingt ist. Für das Feld der Partizipation lässt sich feststellen, dass in Deutschland die Phase der Kindheit und der Jugend als Übergangsphase zum Erwachsenensein begriffen wird. Dieser Phase schreibt man Unfertigkeit zu, begreift sie mehr als Schutzraum und verbindet sie weniger mit Kompetenzen, Fähigkeiten und Macht. Natürlich hat es aber auch ganz profan mit Bequemlichkeit zu tun: Erwachsene bestimmen lieber alles selbst und ziehen sich auf formale Aspekte der Mitbestimmung wie die Volljährigkeit zurück.
Wir möchten zu diesem Bild der Jugend als unmündige, zu schützende und mit Verantwortung nicht belastbare Gruppe einen Gegenpol setzen, deutlich machen, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Willen und ihrer Kompetenz, mitzubestimmen und soziale Verantwortung zu übernehmen, unterschätzt werden.
Online-Redaktion: Gesetze werden nun aber von Erwachsenen gemacht und vollzogen - realistisch gesehen hängt es doch immer vom Wohlwollen der Erwachsenen ab, wie viel Entscheidungsspielraum sie Kindern und Jugendlichen einräumen...
Karakasoglu: Wir appellieren an die Erwachsenen, insbesondere an die politischen Gremien, sehr sorgsam mit dieser Rolle als Letztentscheider umzugehen. Jugendliche Anregungen und Mitwirkungswünsche, ganz konkrete Anforderungen, die sie zum Beispiel an Schulen stellen, sollten tatsächlich ernst genommen und konkret umgesetzt werden. Sie sind ein wichtiger Beitrag zur Reform des Erziehungs- und Bildungswesen und zur addressatengerechten Gestaltung desselben. Es sollten Gremien geschaffen werden, in denen Jugendliche regelhaft vertreten sind und deren Stimmen zur Gestaltung von Lebensräumen und Schulen auch wirklich zählen.
Online-Redaktion: In den Schulen bestehen bereits Mitbestimmungsgremien, die aber auch laut Ihrer Stellungnahme von den Schülerinnen und Schülern oft nur als scheindemokratisch wahrgenommen werden.
Karakasoglu: Schülerparlamente, Schülervertretungen, Klassensprecher, Schulsprecher - die Jugendlichen müssen häufig feststellen, dass ihre dort artikulierten Wünsche und Forderungen an die Institution Schule nicht konkret aufgegriffen und in Handlungspraxis umgesetzt werden. Das desillusioniert die Schülerinnen und Schüler schnell: Sie machen dann die Erfahrung, Demokratie üben, aber nicht ausüben zu dürfen.
Online-Redaktion: Überlagert das Verständnis von der Schule als "Ausbildungsmaschine" diese zivilgesellschaftliche Komponente?
Karakasoglu: Bedauerlicherweise ist der Stellenwert von sozialem Lernen in unserem Bildungssystem gering.
Online-Redaktion: Aber welche Möglichkeiten hat die Politik hier gegenzusteuern? An den Lehrkräften und Eltern, denen hauptsächlich an einem guten Abschluss ihrer Kinder gelegen sein muss, kommt sie doch nicht vorbei.
Karakasoglu: Sicherlich, aber es ist auch immer die Frage, welche Forschungsergebnisse ich öffentlich akzentuiere, oder ob ich populistisch einem Druck von Eltern nachgebe, die einen vielleicht eher konservativen Blicks eines überlebten Schulsystems vor Augen haben. Meiner Meinung nach stellt die ganze PISA-Diskussion viel zu sehr auf die Leistung ab und blendet sämtliche Aspekte des sozialen Lernens sowie des Lernens im Umgang mit dem System, in welchem man sich bewegt, aus. In diesem Jahrzehnt haben wir uns zu sehr dieser einseitigen Fokussierung verschrieben. Das ist im Grunde auch eine sehr verkürzte Sicht auf Bildung und eine Vernachlässigung des Aspekts der Persönlichkeitsbildung.
Online-Redaktion: Verläuft der Diskurs in anderen Ländern denn weniger verengt auf den Leistungsgedanken?
Karakasoglu: Ein positiver Nebeneffekt der PISA-Studie als internationaler Vergleichsstudie war die Anregung, sich Bildungs- und Schulsysteme anderer Staaten anzuschauen. Da stellt man fest, dass manche Systeme nicht nur leistungsfähiger sind, indem sie stärkeren Wissenserwerb und bessere Reproduktion von Wissen erzielen, sondern in Ländern wie Finnland, Großbritannien und Schweden steht den Berichten zufolge die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler viel stärker im Vordergrund als in Deutschland. Dort wird die Persönlichkeit vielmehr mit dem Blick auf die Gemeinschaft entwickelt: In der Schule werden Toleranz, Respekt und Verantwortungsbewusstsein vermittelt, um dies in die Gesellschaft einzubringen. Bürgerschaftliches Engagement wertet man dort als bildungsrelevante Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler.
Online-Redaktion: Was aber kann man der Mutter oder dem Vater antworten, die auf dem Elternabend fragen: 'Was hat mein Kind davon?'"
Karakasoglu: Es gibt in demokratisch verfassten Gesellschaftssystemen einen direkten Zusammenhang zwischen Partizipation, Integration, Verantwortungsgefühl und der Persönlichkeitsbildung. Die Förderung von Partizipation hat einen unmittelbaren Wert für die Integration eines Menschen in die Gesellschaft. Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln, ist auch eine Voraussetzung, um Führungspositionen zu übernehmen. Für Erfolg im beruflichen Leben benötige ich all diese Kompetenzen. Diese manchmal abfällig als "weiche Kompetenzen" bezeichneten Fähigkeiten sind die Voraussetzung, um meine Aufgaben annehmen und meinen Beruf ausfüllen zu können. Und dies nicht als willfähiger Vollstrecker irgendwelcher Anordnungen, sondern als mündiger Mensch und immer im Bewusstsein der Fragen: Wozu mache ich das? Wem nützt das? Welche Interessen stecken dahinter?
Das ist ein ganz zentraler Lernaspekt in einer Demokratie: Man wird ein aktiv gestaltendes Mitglied der Gesellschaft. Wir brauchen Menschen, die aktiv in der Gesellschaft mitwirken und ein demokratisches Verständnis von Partizipation besitzen.
Online-Redaktion: Schöpfen deutsche Ganztagsschulen das Potenzial aus, dass ihnen durch zusätzliche Zeit, Professionenmix und die Arbeit mit Kooperationspartnern gegeben scheint?
Karakasoglu: Das kommt auf die Art der Ganztagsschulform an. In offenen, teilgebundenen und gebundenen Ganztagsschulen gibt es verschiedene Möglichkeiten, aber auch einen unterschiedlichen Druck, sich gegenüber dem Gemeinwesen zu öffnen, in Kooperationen mit Institutionen des direkten sozialen Umfeldes und Selbstorganisationen zu treten. Besonders - das würde ich gerne als interkulturelle Pädagogin betonen - Migrantenorganisationen sind eine bisher noch nicht annähernd erschöpfte Ressource bei Kooperationen, wenn es darum geht, Zusammenleben, Toleranz und Respekt zu lernen.
Bei offenen Ganztagsschulen kann ein solcher Kontakt im Rahmen einer am Nachmittag stattfindenden Arbeitsgemeinschaft organisiert sein. In gebundenen Ganztagsschulen ist es möglich, dies in den Schulalltag in Formen kooperierten Lernens zu integrieren, bei dem auch Lehrerinnen und Lehrer ein anderes Verständnis ihrer Zusammenarbeit mit dem Umfeld entwickeln, dies in ihre Unterrichtskonzepte einfließen lassen und sich nicht nur für den Wissenserwerb verantwortlich fühlen.
Online-Redaktion: In Ihrer Stellungnahme geben Sie für die Ebenen von der Kommune über das Land und den Bund bis zur Europäischen Union Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Verankerung von Partizipation im Bildungswesen. Wen sehen Sie hauptsächlich in der Pflicht?
Karakasoglu: Die Bundesländer, die als Gesetzgeber konkrete Formen der Mitbestimmung in Gesetzen festschreiben können und es nicht bei einer Unverbindlichkeit belassen müssen. Zusätzlich könnte zum Beispiel die Vergabe von Fördermitteln davon abhängig gemacht werden, ob in einem Antrag bestimmte Partizipationsmöglichkeiten benannt sind. Dies sollte evaluiert werden, um festzustellen, ob es auch tatsächlich durchgeführt worden ist. Weitere Förderung sollte dann davon abhängig gemacht werden, ob dergleichen nachweisbar ist.
Online-Redaktion: Bei allen Defiziten ist in deutschen Schulen aber auch schon einiges im Bereich der Partizipation erreicht worden, wie sie in ihrer Stellungnahme an einigen Beispielen erwähnen.
Karakasoglu: Es gibt große Unterschiede zwischen den Bundesländern, und es wäre wünschenswert, wenn die Länder gegenseitig voneinander lernen würden, wie zum Beispiel von Baden-Württemberg, wo das Service Learning Eingang in das Curriculum gefunden hat. In unserem Hearing wurde uns auch ein Beispiel aus Schleswig-Holstein vorgestellt: Dort haben im Rahmen des Projektes "Die Kinderstube der Demokratie" Kindergartenkinder an der Entscheidung über die Umgestaltung des Außengeländes mitgewirkt und konnten ihre Wünsche ganz konkret umsetzen. Diese Best Practice-Beispiele müssten viel stärker verbreitet werden. Ich könnte mir die Kultusministerkonferenz als Ort vorstellen, an dem diese guten Beispiele diskutiert und weiter getragen werden.
Prof. Dr. phil. Yasemin Karakasoglu, seit 2004 Professorin für Interkulturelle Bildung im Lehrgebiet Allgemeine Pädagogik des Fachbereiches 12 / Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Bremen. Bis 1991 Studium der Turkologie, Neuerer deutscher Literaturwissenschaft und Politikwissenschaften in Hamburg und Ankara, Magister Artium, 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Abteilung für soziokulturelle Fragen am Zentrum für Türkeistudien in Essen (heute: Stiftung Zentrum für Türkeistudien), 1996 wissenschaftliche Mitarbeiterin, dann wissenschaftliche Assistentin bei Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning am Fachbereich Erziehungswissenschaft, Arbeitsgebiet Interkulturelle Pädagogik, der Universität Essen.1999 Promotion im Fach Erziehungswissenschaft. Die Dissertation "Muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen. Eine empirische Untersuchung zu Orientierungen bei türkischen Lehramts- und Pädagogikstudentinnen in Deutschland" wurde im Jahr 2000 mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet. Die Ergebnisse der Studie waren Grundlage des Gutachtens von Frau Karakasoglu "Religiosität und Gründe für das Kopftuchtragen bei muslimischen jungen Frauen in Deutschland" für das Bundesverfassungsgericht im Juni 2003.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 10.07.2009
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