Vier Stellwände sind in einem Tagungsraum des Hotels "Hohe Düne" in Rostock-Warnemünde aufgebaut. Sie symbolisieren die "vier Zimmer der Veränderung" - ein Modell, das aufzeigt, wie der Mensch mit Veränderungen umgeht. Privat, aber auch beruflich; persönlich, aber auch kollektiv. Moderatorin Ines Stade führt die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Thematischen Netzwerks "Schulentwicklung" von einer Stellwand zur nächsten und erläutert die vier Phasen dieses Kreislaufs.
Die jeweils dreitägigen Hospitationsveranstaltungen dieses Netzwerks für Schulleitungen und Lehrkräfte aus sechs Bundesländern leben vom schul- und länderübergreifenden Austausch der Teilnehmer untereinander und profitieren von den wohl vorbereiteten Schulbesuchen. So auch auf der vierten und letzten Station vom 17. bis 19. Juni 2009 in Rostock, als man das Ostseegymnasium im Stadtteil Evershagen ansah. Aber ein nicht unwesentlicher Teil dieser Hospitationen hat stets auch aus Fortbildungselementen bestanden, in denen die Beraterin Ines Stade und ihre Kollegin Susanne Hoffmann-Michel die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Themen wie Projektentwicklung, Teamentwicklung, Qualitätsmanagement und Projektsteuerung bekannt machten. Oft erhielten die Pädagoginnen und Pädagogen die Gelegenheit, diese Informationen auf den Fall ihrer Schule zu beziehen.
Die vier Zimmer der Veränderung
Phase Nummer eins: "Das Zimmer der Zufriedenheit". Hier möchte man das Erreichte, das Komfortable, den Status Quo erhalten - und versucht, sich nicht einzugestehen, dass etwas Unangenehmes vor sich geht oder veränderte Umstände eigentlich eine Veränderung erzwingen. Auseinandersetzungen werden vermieden. Ein prägnanter Satz in dieser Phase: "Wir haben schon oft Dinge kommen und gehen sehen." Die Gefühle der Beteiligten: Selbstsicherheit, Gewissheit und Handlungsfähigkeit.
Das zweite Zimmer ist das "der Verleugnung": Mehr und mehr muss man Augen und Ohren vor den Signalen der Unzufriedenheit verschließen. Frustration und Ungewissheit sind vorhanden, werden aber geleugnet oder überspielt. Trotz und Widerstand gegen angeregte Veränderungen machen sich breit. "Ohne mich!", heißt es.
Darauf folgt das "Zimmer der Verwirrung": Die Einsicht, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, ist da - aber es fehlt noch das Bild einer "gewünschten Zukunft". Das "Verwirrungszimmer" ist für den Gesamtprozess das möglicherweise entscheidende, denn "hier geschieht das eigentliche Lernen, wenn auch zu einem hohen Preis", wie Ines Stade formulierte. "Erst am Tiefpunkt angekommen, sind wir bereit, uns auf das Neue einzulassen." Unsicherheit, Sorgen, Angst und Hilflosigkeit sind Gefühle der Betroffenen. "In der Theorie hört sich das vielleicht nicht schlecht an, aber in der Praxis." ist einer der typischen Abwehrsätze.
Allmählich gelangen die Akteure ins "Zimmer der Erneuerung", wo das Neue in die Tat umgesetzt und ausprobiert wird. Es werden neue Erfahrungen gemacht und aus vermeintlichen Rückschlägen gelernt. Selbstsicherheit und Freude kehren zurück. "Das müssen wir weiter entwickeln", ist ein Ausdruck der in die Zukunft gewendeten neuen Entschlussfreudigkeit. Wenn diese irgendwann zu erlahmen beginnt, weil man seine Ziele erreicht zu haben glaubt, öffnet sich die Tür zum "Zimmer der Zufriedenheit" - und der Prozess beginnt wieder von vorn.
Transparenz herstellen ist das Wichtigste
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aufgefordert, jeweils für sich persönlich und für ihre Schule das Zimmer zu markieren, in welchem sie sich und ihr Kollegium zu befinden glauben. Viele sahen sich im "Zimmer der Verwirrung", ein großer Teil aber auch im "Zimmer der Erneuerung". Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich bereits an diesem erfreulichen Punkt wähnten, erklärten, dass nicht zuletzt die seit April 2008 stattgefundenen drei Hospitationsveranstaltungen in Mönchengladbach, Hamburg und Erfurt dazu beigetragen hätten, die Veränderungsprozesse so anzustoßen.
Das Wichtigste in einem solchen Veränderungsprozess ist Ines Stade zufolge das Herstellen von Transparenz: "Im Grunde genommen geht es in den ersten drei Zimmern gar nicht darum, inhaltlich zu arbeiten, sondern andere auf diesen Prozess der Veränderung überhaupt erst einmal einzustimmen. Dabei muss man Einfühlungsvermögen zeigen, die Ängste der Kollegen aufspüren, Vertrauen durch Offenheit und Ehrlichkeit herstellen." Emotionen müssten ernst genommen und an Positives aus der Vergangenheit angeknüpft werden. Für diesen Prozess müsse man sich Zeit lassen und viele Gespräche führen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten sich von diesem Modell angetan, da es "mir deutlich macht, wo wir derzeit überhaupt stehen", wie es ein Lehrer formulierte. Insgesamt überwogen die positiven Stimmen, als die Gruppe resümierte, welche Veränderungsprozesse seit Beginn der Hospitationsreihe in den Schulen angestoßen werden konnten - oft durch Aufgreifen von Ideen, die man in den Besuchsschulen gesehen hatte.
So hat beispielsweise die Regionale Schule Winzerla in Thüringen sich von der Hospitation am Gymnasium Marienthal in Hamburg Impulse für die Individuelle Lernzeit geholt; aus der Integrierten Gesamtschule Erfurt übernahm man viele Ideen für die Arbeit in den Klassen 5 und 6 wie die Tischgruppenarbeit, das verstärkte Setzen auf Rituale und das Einführen einer einstündigen Lesezeit einmal in der Woche für die gesamte Schule.
Gymnasium lernt von Grundschule
Die Hauptschule Falkenberg im schleswig-holsteinischen Norderstedt hat die Hausaufgabenbetreuung durch eine Lernzeitbetreuung mit verstärktem individueller Förderung eingeführt. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten stärker im Team. "Hier erfährt man viel Bestätigung und Ermutigung durch die Gruppe", wie Schulleiter Gerhard Lühr berichtete.
Die Schulleitung der Regionalen Schule mit Grundschule in Krakow am See in Mecklenburg-Vorpommern hat sich im Bereich Schulmanagement fortgebildet, investiert verstärkt Arbeit in die Berufsorientierung und in die Medien- und Methodenkompetenz, hat Studienzeiten eingeführt und denkt daran, in den Stufen 3 und 4 eine Tagesrhythmisierung einzuführen.
Manche Impulse kamen gerade aus den Besuchsschulen, mit denen manche Beteiligten zu Beginn am wenigsten gerechnet hatten - was nicht nur den Reiz, sondern auch den Sinn des schul- und länderübergreifenden "Spickens vor Ort" belegte. So erklärte Schulleiter Ulrich Cain vom Gymnasium Osterbeck in Hamburg: "Mir hat der Besuch in der Grundschule in Mönchengladbach am meisten gebracht, was ich vorher nie gedacht hätte. Aber durch die Schulreform in Hamburg werden wir Gymnasien viel stärker als bisher mit Grundschulen kooperieren müssen. Unser Gymnasium hat bereits ein kleines Netzwerk mit Grundschulen gegründet. Die Einblicke, die ich in die Arbeitsweise einer Grundschule gewinnen konnte, waren sehr wertvoll für mich."
"Große Bereicherung"
Die Zusammensetzung der verschiedenen Schulformen und Bundesländer im Rahmen der Hospitation wurden in einer kleinen Abschlussevaluation als "große Bereicherung", gar als ein "weiterer Mauerfall" beschrieben. "Die Situation kann durch solche fruchtbaren Gedankenaustausche immer positiv beeinflusst werden", fasste eine Teilnehmerin ihren Gesamteindruck der Hospitationsreihe zusammen.
"Schulen lernen von Schulen" - dieses Konzept hat sich bewährt. Die Hospitationsteilnehmer sind teilweise auf den Geschmack gekommen und wollen selbst versuchen, in ihren Kommunen und Ländern solche "wertschätzend gestalteten" Hospitationstage zu organisieren. Für eine solche groß angelegte Hospitationsreihe wie die nun abgelaufene war eine Koordination, wie sie durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen des IZBB-Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" übernommen wurde, sehr wertvoll. Netzwerkstrukturen, so weiß man aus der Schulentwicklungsforschung, bedürfen einer dauerhaften professionellen Pflege.
"Es ist ja nicht nur so, dass die hier im Raum Anwesenden von diesem Austausch profitieren", meinte zum Abschluss Schulleiter Gerhard Lühr, "sondern auch Hunderte von Schülerinnen und Schülern. Und wenn wir es gut machen, Generationen von Schülern, die noch folgen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 30.06.2009
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