18. MAI 2009

Ausprobieren, Wissen und Zeigen

Ganz normale Schulen mit Ganztagsbetrieb sind in der Lage, eine beeindruckende Vielfalt von Qualitätskonzepten zu entwickeln, die eine bundesweite Beachtung verdienen. Der Wettbewerb "Zeigt her eure Schule", der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der am 11. Mai die Preisträger im Museum für Kommunikation in Berlin auszeichnete, war reich an guten Ideen, die auch die Praxis entzünden.

Um es gleich vorweg zunehmen: Es gab nur Gewinner auf der diesjährigen Preisverleihung des Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule". Ob man nun zu den Preisträgern gehörte oder zu den Schulen, die einen Anerkennungspreis gewannen - jede Ganztagsschule, die es bis zur Preisverleihung in das Museum für Kommunikation gebracht hatte, zeichnete Professionalität mit Engagement aus.

"Alle Schulen haben gemeinsam, dass sie das kreative Lernen gegenüber der Reproduktion des Alten in den Vordergrund stellten", so Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Darüber hinaus hätten sich die Lehrpersonen von Einzelkämpfern zu Teamplayern entwickelt. Mit der Hauptschulakademie der Schule am Gutspark, Salzgitter (Niedersachsen) gab es einen würdigen Gewinner.

Nur gute Lösungen zählen

Die Jury, die aus 12 Mitgliedern bestand, diskutierte jede eingereichte Bewerbungsmappe ausführlich. Dabei hatte sie über Kriterien wie Qualität, Bedarfsorientierung, Beteiligung, Weg, Fehlerfreundlichkeit sowie Nachhaltigkeit zu befinden. Der Jury gehörten Schülerinnen und Schüler an, Vertreter der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), der Kultusministerien sowie Fachleute zum Thema Qualität. "Wir zeichnen im Wettbewerb gute Lösungen für den Ganztagsbetrieb aus", erklärte das Mitglied der Jury Prof. Jürgen Oelkers von der Universität Zürich.


 
Ein Bild, das zeigt wie eine Ganztagsschule aus Schülersicht funktionieren sollte (es wurde im Rahmen der Preisverleihung "Zeigt her eure Schule - Qualität im Alltag" erstellt)."Wir zeichnen im Wettbewerb gute Lösungen für den Ganztagsbetrieb aus", erklärte das Mitglied der Jury Prof. Jürgen Oelkers von der Universität Zürich.

Alle prämierten Ganztagsschulen hatten eines gemeinsam: Sie nutzten die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft, Bildung und Betreuung" (IZBB), um die Qualitätsentwicklung voran zu bringen. Die Vorsitzende der DKJS, Eva-Maria Köhler, die mit dem Parlamentarischen Staatssekretär des BMBF, Thomas Rachel, die Laudatio auf die Gewinnerschulen hielt, betonte, dass ihr der Wettbewerb viel bedeute, da er deutlich mache, dass Qualität kein abstrakter Begriff sei, sondern im Alltag verwurzelt sei.

Wir gründen eine Akademie

Mit ihrem Projekt bringt der Hauptschulakademie der Schule am Gutspark wie kaum eine andere Schule zum Ausdruck, worauf es dabei ankommt: Ausprobieren, Wissen, Zeigen. Dazu Eva-Maria Köhler: "Die neu gegründete Akademie eröffnet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten auszuprobieren." Ab Klasse sieben sei der Besuch der Hauptschulakademie sogar verpflichtend.

Die Angebote der Akademie, deren Räume aus Mitteln des IZBB finanziert wurden, bestehen aus einem praktischen Schwerpunkt, der durch einen theoretischen Teil unterstützt wird. Das Fach Wirtschaft wurde eigens umstrukturiert. Das multiprofessionelle Dozententeam besteht aus Referenten, Mitarbeitern verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche sowie aus Lehrern.


  
Jürgen Oelkers (links im Bild). Eva-Maria Köhler (rechts im Bild) zum 1. Preis: "Die neu gegründete Akademie eröffnet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten auszuprobieren."

Hauptschulakademie vermittelt ihre Absolventen zu 90 Prozent

Die Kurse, die sich an den individuellen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler orientieren, werden in den Nachmittag integriert und laufen über jeweils fünf Wochen. "Zu 90 Prozent bringen wir die Schülerinnen und Schüler nach der Schule in Beruf und Ausbildung unter", erzählt der Schulleiter Hans-Dieter Brandt. 

Einen Vorschlag, die diesjährige Runde des Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule" auf den Begriff zu bringen, machte Ute Lesniarek-Spieß, Schulleiterin der Grundschule Auf der Heuen (Bremen) anlässlich der Preisverleihung in Berlin. Sie bedankte sich für den 2. Preis und die 8.000 Euro, die ihre Grundschule soeben gewonnen hatte und fügte hinzu: "Die Qualitätsentwicklung ist an unserer Schule ein Konglomerat aus Wissen und Ausprobieren."

Wenige Jahre zuvor stand die Schule gewissermaßen auf der Abschussliste der Eltern, denn man war der Meinung, dass angesichts von Gewalt und vielen anderen Problemen, die noch im Jahr 2005 zu beklagen waren, die Schule keine Zukunft habe: "Wer schickt schon sein Kind auf diese Schule? "Abwählen". Die Not war groß, doch das rettende Ufer war auch nicht mehr fern. Mit dem Beschluss des Kollegiums, Ganztagsschule zu werden und der Hans-Wendt-Stiftung als außerschulischem Partner, wendete sich das Blatt zugunsten der Grundschule.


  
"Die Ergebnisse des Wettbewerbs zeigen in vorbildlicher Weise, dass sich soziale Teilhabe und Engagement auszahlen", bilanzierte der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Thomas Rachel (links im Bild). Grundschule Auf der Heuen (Bremen): Die Not war groß, doch das rettende Ufer war auch nicht mehr fern.

Das rettende Ufer

Es begann eine Entdeckungsreise der Schule auf der Suche nach ihrer Identität, die sie nach Schweden und Herford führte: "Im 'Futurum' (Schweden) haben wir die Freiheit der offenen Räume geschnuppert; in Herford die machbare Variante entdeckt und in Bremen verfeinert", heißt es in den Bewerbungsunterlagen der Grundschule Auf der Heuen. Nachdem die neuen Räume für Transparenz und Durchblick gesorgt hatten, sich zudem ein optimales multiprofessionelles Team zusammenfand, wurde man in nur vier Jahren eine gebundene Ganztagsschule mit jahrgangsübergreifenden Gruppen mit dem Schwerpunkt Musik.

Als eine Säule des Erfolges erwies sich das Wissen um die Stärken und Schwächen der Schule, die im Rahmen einer Diagnose des Ist-Zustandes erhoben wurden: "Gemeinsam haben die Eltern, Kinder und außerschulischen Partner einen Konsens erarbeitet", erläuterte Thomas Rachel in seiner Laudatio.

Mittagsfreizeit mit Köpfchen gestalten

Die kluge Gestaltung der Mittagszeit gehört zum Kernstück jeder guten Ganztagsschule. Da die Schule am Burgwald in Hamburg-Wilhemsburg die Qualität von Pausen und Mittagessen kontinuierlich verbessert hat und dabei die Kinder, die zu 80 Prozent einen Migrationshintergrund haben, umfassend beteiligte, konnte auch der Baulärm dem guten Schulklima keinen Schaden mehr zufügen. Konflikte zwischen den Schülerinnen und Schülern konnten durch die kluge Umstrukturierung der Mittagsfreizeit ausgeräumt werden."Die Schule hat sich durch die geschickte Nutzung von Beteiligungsstrukturen (Lehrer- und Kinderkonferenz), der Ausgestaltung der Pausen und des Mittagsangebotes verbessert," so Köhler.


 
Thomas Rachel zeichnet weitere Preisträger des diesjährigen Wettbewerbs aus: Platz 4 (GS Albrecht-Schweitzer-Schule Hannover) und Platz 2 (Grundschule Auf der Heuen (Bremen).

"Städtisches Leben in die Schule geholt"

Jede Ganztagsschule ist ein offenes System aus Einzelteilen oder Rädchen, die miteinander verzahnt sind. Je stärker sich die Ganztagsschule als Organisation der lokalen Bildungslandschaft öffnet, desto mehr kommt es auf eine bündige Konzeption und ein professionelles Management an. Die Staatliche Regelschule "Johann Wolf", die seit 2005 eine teilgebundene Ganztagsschule ist, hat ihr Management und ihre Organisation derart verbessert, dass das Methodenlernen, soziale Handeln, Medienkunde, Berufsvorbereitung und Bewegungsfreundlichkeit in enger Kooperation mit den außerschulischen Partnern angeboten wird. Dafür bekam die Regelschule den 4. Preis zuerkannt, der mit 3.000 Euro dotiert ist: "Der Blick reicht weit über die Schule hinaus, denn sie hat das städtische Leben reingeholt", so Rachel während seiner Laudatio. 

Es gibt nunmehr ein neues Leitbild für die Schule, sowie Neigungskurse oder Projekttage wie den "Olympischen Tag". Den Anstoß zur Vernetzung der Ganztagsschule mit der lokalen Bildungslandschaft gab nicht zuletzt der Ganztagsschulkongress 2007. "Den Weg dahin haben wir der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen zu verdanken", meinte die Schulleiterin. Ferner gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Dingelstädt und dem Kultusministerium. Alle Entscheidungsprozesse werden in runden Tischen und dem Klassenrat demokratisch organisiert.

Neuland in der Ferienbetreuung erschlossen

Schwierige Ausgangsbedingungen sind der Humus, auf dem die Zusammenarbeit zwischen der Jugendhilfe und den Ganztagsschulen gedeihen kann. Die GS Albrecht-Schweitzer-Schule Hannover, die ebenfalls den vierten Preis zuerkannt bekam, liegt in einem sozialen Brennpunkt. Ihr Anliegen war es, eine fünftägige Ferienbetreuung aufzubauen und dafür neben dem eigenen Schulhort auch außerschulische Schulhorte einzubeziehen.

Qualitätsstandards sollten für die Ganztagsbetreuung entwickelt werden und viele unterschiedliche Behörden mussten zusammenarbeiten. Da es ein solches Modell für die Kooperation zwischen der Ganztagsschule und der Jugendhilfe in Niedersachsen bislang nicht gegeben hatte, musste Neuland beschritten bzw. Fakten in einem quasi rechtsfreien Raum geschaffen werden.

Vielfalt schafft Qualität und Gelegenheiten

Fünf Anerkennungspreise gingen darüber hinaus an Schulen aus Bayern, Berlin, Hessen, Thüringen und Schleswig-Holstein. So führte die Fehr Schule Itzehoe den offenen Ganztag ein und wurde dadurch für die Kinder und Eltern noch attraktiver. Da der Schulvormittag nicht mehr ausreichte, um ein angemessenes Förder- und Forderangebot für die Kinder zu schaffen, befragte die Schule die Eltern, in welchen Bereichen die schulische Arbeit verbessert werden könnte.

Die Freie Ganztagsschule Leonardo erfreute die Kinder mit einem Erweiterungsbau und dem Lernen und Arbeiten ohne Druck und mit viel Spaß. Die Lenau-Grundschule in Berlin-Kreuzberg entwickelte den Integrierten Tagesplan und bietet eine kostenlose Betreuung für Schulanfänger von acht bis 16 Uhr an.


  
Das Musum für Kommunikation in Berlin mit Sammlungen zur Telekommunikation, Informatik, Radio, Fernsehen, Post, Verkehr und Philatelie.

Die Albrecht-Dürer-Schule Weiterstadt erleichtert den Übergang in die Grundschule sowie in die weiterführenden Schulen durch das Projekt der Patenschaften. Das Christliche Gymnasium Jena führte den offenen Unterricht sowie die Rhythmisierung des Schultages ein während die Private Volksschule Montessori in Wertingen das "Werkhaus der Generationen" einführte, so dass ältere Menschen von den Jungen lernen können und umgekehrt. "Die Ergebnisse des Wettbewerbs zeigen in vorbildlicher Weise, dass sich soziale Teilhabe und Engagement auszahlen", bilanzierte der  Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Thomas Rachel.

Der Austragungsort der Preisverleihung, das prächtige Museum für Kommunikation in Berlin, vermittelte übrigens den Eindruck, dass Geschichte, Gegenwart und Zukunft stark miteinander verzahnt sind. Es förderte aber auch den Austausch zwischen Jung und Alt und schien seinerseits Brücken zu schlagen. Man darf daher gespannt sein, ob er die Vernetzung zwischen den Ländern noch weiter voranbringt.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 18.05.2009
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