6. MAI 2009

"Möglichst nah dran": Serviceagentur Hessen

Die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hessen unterstützt Schulen in ihrer Qualitätsentwicklung im Ganztag. Sie bietet Fortbildungsmaßnahmen zu Themen wie Rhythmisierung, Kooperation, Partizipation, Koordination und Steuerung von Ganztagsschule an und setzt dabei auf Vernetzung sowie Stärken- und Ressourcenorientierung der Schulen. Alle an Schule beteiligten Personengruppen sollen zusammengebracht und in die Ganztagsschulentwicklung einbezogen werden. Die Online-Redaktion sprach mit Stephanie Welke, Mitarbeiterin der Serviceagentur Hessen, im Kasseler Büro darüber, wie die Förderangebote von den Akteuren wahrgenommen werden.

Online-Redaktion: Die Serviceagentur unterstützt hessische Schulen, die sich zur Ganztagsschule entwickeln möchten. Welche Angebote machen Sie den Schulen?

Welke: Wir möchten die Schulen besonders in ihrer Qualitätsentwicklung im Ganztag unterstützen. Hierzu bieten wir Fortbildungsmaßnahmen zu den ganztagsschulrelevanten Schwerpunkten an. In den letzten Jahren waren das vor allem die Themen Rhythmisierung, Kooperation, Partizipation, Koordination und Steuerung von Ganztagsschule. Zudem gewinnt das Thema "Lern- und Aufgabenkultur" in Verbindung mit der veränderten Arbeitskultur der Lehrkräfte an Bedeutung.

Die Inhalte der Veranstaltungen orientieren sich an den Bedarfen der Schulen, die wir größtenteils über regionale Gesprächsforen und die Steuergruppen der Staatlichen Schulämter erheben. Ein weiteres wichtiges Angebot besteht in der Beratung der einzelnen Schule in Form von pädagogischen Tagen. Die Unterstützung der schulinternen Steuergruppe bzw. der Schulleitung ist sehr gefragt. Gut angenommen werden auch die Beratungssalons für Schulleiter und Ganztagsschulkoordinatoren, die wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund durchführen. Hierbei wird neben einem theoretischen Input besonders auf die vorher eingeholten Fragen der Teilnehmer eingegangen.

Unser Anliegen ist es, die Schulen regional mit möglichen Kooperationspartnern in Kontakt zu bringen und den Austausch zwischen den Schulen zu unterstützen. Gerade Letzteres gewinnt an Bedeutung. Schulen wollen von anderen Schulen und deren Erfahrungen lernen. So organisieren wir Exkursionen und bauen Referenzschulen auf, die zu Hospitationen einladen. Häufig werden wir auch bei der Suche nach Experten angefragt, sei es für eine schulinterne Fortbildungsmaßnahme oder eine regionale Veranstaltung. Für uns besteht Schule aber nicht nur aus Lehrern und Schulleitung. Ein besonderes Anliegen sind uns Angebote für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Eltern, um einen allumfassenden Ganztagsschulentwicklungsprozess zu fördern.

Online-Redaktion: Wie werden die Angebote von den Schulen angenommen?

Welke: Die meisten Schulen erreichen wir über unsere regionalen Veranstaltungen, die wir in Zusammenarbeit mit den Steuergruppen der Staatlichen Schulämter durchführen. Jährlich führen wir eine Auftaktveranstaltung für die neuen Ganztagsschulen durch. Aber auch Infostände auf Veranstaltungen unserer Kooperationspartner sind wichtig. Häufig ergeben sich dann vor Ort schon Beratungsgespräche oder werden vereinbart. Besonders das vielfältige Informationsmaterial der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wird uns förmlich aus den Händen gerissen.

Oft beraten wir auch telefonisch. Meist rufen uns Schulleitungen an und erfragen unsere Unterstützung. Manchmal sind es aber auch die Elternbeiräte, die uns zu einem Infoabend einladen. Eine große Nachfrage gibt es für die Angebote der SV-Berater, qualifizierte junge Menschen, die die Schülervertretungen (SV) beraten, wie sie an der Gestaltung des Ganztags an ihrer Schule besser mitwirken können. Für die Anfragen müssen wir inzwischen schon eine Warteliste führen, obwohl wir regelmäßig neue SV-Berater ausbilden.

Online-Redaktion: Auf welche Arbeitsschwerpunkte konzentriert sich die Serviceagentur Hessen?

Welke: Uns ist es ein besonderes Anliegen, Unterstützungsstrukturen für die Schulen vor Ort aufzubauen. In diesem Sinne fördern wir die Arbeit der regionalen Steuergruppen der Staatlichen Schulämter. Der Schwerpunkt liegt in der Realisierung von Fortbildungsveranstaltungen, bei denen sich die Schulen über ihre Erfahrungen, z.B. in der Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartnern, austauschen können.

Die Serviceagentur orientiert sich an den Kernthemen des Ganztags, um so die Qualitätsentwicklung zu unterstützen. Zu Beginn haben wir uns vorwiegend mit den Themen Hausaufgaben und Mittagessen beschäftigt. Inzwischen arbeiten viele Schulen an weitergehenden Konzepten. Themen wie Rhythmisierung und Koordination im Ganztag werden besonders angefragt. Kontinuierlich bleiben wir vor allem an den Arbeitsschwerpunkten Partizipation und Kooperation,hierzu konnten wir ein breites Spektrum an Angeboten entwickeln.

Online-Redaktion: Was steht hinter dem Motto "Gemeinsam sind wir mehr"?

Welke: Die besondere Herausforderung unserer Arbeit liegt darin, alle an Schule beteiligten Personengruppen zusammenzubringen und in die Ganztagsschulentwicklung einzubeziehen. Deshalb liegen uns die Vernetzung sowie die Stärken- und Ressourcenorientierung besonders am Herzen.

Partner hierbei sind zum Beispiel Schulen, Staatliche Schulämter, Schulträger, Schülerinnen und Schüler, die Verantwortung für das Heranwachsen der Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft kreativ und gemeinsam übernehmen, anstatt sich auf die jeweiligen Zuständigkeiten zu berufen, sich von einander abzugrenzen oder sogar gegeneinander zu arbeiten.

Online-Redaktion: Warum ist das Thema Partizipation so wichtig und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Welke: Schließlich geht es bei der Diskussion um Ganztagsschule um die Zeit der Kinder und Jugendlichen. Es geht um ihre Bildung und um ihre Zukunftschancen. Deshalb ist es besonders wichtig, sie in diese Veränderungsprozesse einzubeziehen. Wenn alle die Möglichkeit haben und nutzen, ihre Ideen in ihre Schule einzubringen, dann fühlen sie sich dort auch wohl und können gemeinsam gute Ergebnisse erzielen. Gute Ganztagsschulen erkennt man daran, dass dort nicht nur die Schulleitung oder die Lehrerinnen und Lehrer entscheiden.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen die Referenzschulen?

Welke: Die Kooperation mit den Referenzschulen ist eine große Unterstützung für unsere Arbeit, sie ermöglicht Angebote mit engem Praxisbezug. Es sind Schulen, die zukunftsweisende Konzepte zu besonderen Schwerpunkten für den Ganztag entwickelt haben. Wichtig dabei ist, dass die Referenzschulen neben dem Engagement für die eigene Schule noch Ressourcen und Interesse haben, ihre Erfahrungen anderen Schulen zu vermitteln. Die Serviceagentur zeigt sich für diese Arbeit erkenntlich, indem sie wiederum die Weiterentwicklung der Referenzschulen unterstützt.

Eines unserer ersten Projekte war die Zusammenarbeit mit der Steinwaldschule Neukirchen mit dem Schwerpunkt Kulturelle Praxis. Sie stellt ihr Wissen durch Beratung und Fortbildung zur Verfügung. Hier profitieren wir in besonderem Maße von Herrn Kammler, dem Koordinator der Steinwaldschule, der durch seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Marburg und Prozessbegleiter des Themenateliers "Kulturelle Bildung an der Ganztagsschule" in Hessen auch den Wissenstransfer aus diesem Programm ermöglicht.

Außerdem haben wir eine gute Zusammenarbeit mit der Grundschule Fuldatal-Simmershausen,als  Referenzschule für "Partizipation - Beteiligungsformen im Schulalltag". In der Schule wirken Schülerinnen und Schüler aktiv und engagiert an der Gestaltung ihrer Umwelt mit. Die Grundschule Fuldatal Simmershausen hat eine Broschüre erstellt, in der sie ihre Beteiligungsmethoden vorstellt. Vertreterinnen und Vertreter der Schule werden zur Beratung in andere Grundschulen eingeladen oder bieten Fortbildungen in anderen Schulamtsbezirken an. Die Serviceagentur ist hier bei der Vermittlung und Organisation behilflich.

In Offenbach kooperieren wir mit zwei Schulen im Bereich "Elternbeteiligung im Ganztag". Die Eltern der Schillerschule Offenbach haben ein umfassendes Konzept entwickelt, das sich nun schon über Jahre bewährt hat. Mit Unterstützung der Serviceagentur haben Eltern an der Schule eine Arbeitsgruppe "Referenzschule" gegründet. Die Schule lädt zu Hospitationen ein und spricht auf Veranstaltungen besonders die Eltern an, um sie über Möglichkeiten der Beteiligung zu informieren und zu begeistern.

Da Ganztagsschule auch mit dem Anspruch gestartet ist, Bildungsgerechtigkeit zu fördern, legen wir ein besonderes Augenmerk auf die interkulturelle Elternarbeit an der Ganztagsgrundschule. Hier sind wir auf ein interessantes Projekt an der Wilhelmschule in Offenbach gestoßen: die Integrationslotsinnen. Das sind etwa 12 bis 15 Eltern mit unterschiedlichen Muttersprachen.

Ziel ist es, Eltern mit Migrationshintergrund aktiv in das Schulgeschehen einzubinden. Die Integrationslotsinnen organisieren muttersprachliche Veranstaltungen und dolmetschen bei Elterngesprächen. Bei allen Veranstaltungen der Schule sind sie anwesend und übersetzen, falls nötig. Zur Einschulung der neuen Schüler werden sie allen Eltern vorgestellt. Eine kontinuierliche Kontaktpflege und die Unterstützung der Eltern werden angestrebt. Hier sind wir gerade dabei, eine neue Referenzschule aufzubauen.

Online-Redaktion: Was hat sich in der Ganztagsschullandschaft Hessens seit Einführung der Serviceagentur bewegt?

Welke: Das Land Hessen hat parallel zum Bundesprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." ein Landesprogramm aufgelegt, das "Ganztagsprogramm nach Maß". Dadurch wird der Ausbau von Ganztagsschulen in Hessen seit dem Schuljahr 2002/2003 forciert. Im Schuljahr 2008/2009 gibt es in Hessen 528 ganztägig arbeitende Schulen, die im Rahmen des Landesprogramms durch die Zuweisung zusätzlicher Lehrerstellen - zum Teil in Mitteln gewährt - gefördert werden.

Die jährliche Förderung für ganztägig arbeitende Schulen summiert sich inzwischen auf 960 Lehrerstellen. Insgesamt wendet das Land jährlich rund 50 Mio. Euro für das Programm auf. Die 66 Schulen mit gymnasialem Bildungsgang, die bisher noch nicht im Ganztagsprogramm des Landes arbeiteten, erhalten im laufenden Schuljahr eine zusätzliche Förderung, um eine Mittagsbetreuung an ihren Schulen aufzubauen.

Hessens Ziel: Bis 2015 soll es an allen rund 2.000 hessischen Schulen ein freiwilliges Ganztagsangebot bis ca. 17:00 Uhr geben. Im Schuljahr 2008/2009 ist dies in Hessen bei 72 Kooperativen Ganztagsschulen mit gebundener Konzeption, 35 Kooperativen Ganztagsschulen mit offener Konzeption sowie 421 Schulen mit Pädagogischer Mittagsbetreuung der Fall. Der Begriff der Pädagogischen Mittagsbetreuung ist eine Besonderheit der Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen nach § 15 des Hessischen Schulgesetzes und erfüllt die Definition der Kultusministerkonferenz (KMK) für eine "Offene Ganztagsschule".

Neu seit 2008: Unterstützung von 66 Schulen mit gymnasialem Bildungsgang, die nicht im Landesprogramm "Ganztagsschule nach Maß" aufgenommen sind. Zum Schuljahr 2008/09 wurden die 66 Schulen mit gymnasialem Bildungsgang, die einerseits die Schulzeitverkürzung umsetzen, andererseits aber noch nicht im Landesprogramm "Ganztagsschulen" aufgenommen sind, kurzfristig mit Mitteln unterstützt, um für ihre Schülerinnen und Schüler Angebote analog einer pädagogischen Mittagsbetreuung machen zu können. Diese Schulen erhalten für Aufgabenbetreuung, Bibliotheken, Mediotheken, Förder-, Sport- und Freizeit-Angebote finanzielle Mittel, mit denen kurzfristig außerschulische Kräfte gewonnen werden können.

Online-Redaktion: Welche Ziele verfolgen Sie zukünftig?

Welke: Der qualitative Ausbau muss nunmehr immer stärker in den Vordergrund rücken, wenn es um die Weiterentwicklung der Ganztagschullandschaft in Hessen geht. Neben neu entstehenden Ganztagsschulen sind auch jene bereits ganztägig arbeitenden Schulen weiterzuentwickeln. Daher sollten sich alle Akteure mit Qualitätskriterien auseinandersetzen und sich über sie verständigen. Daran ist die Serviceagentur aktiv beteiligt. Sowohl in der Auseinandersetzung um die Entwicklung von Qualitätsstandards, wie auch bei der Entwicklung von Angeboten, um die Schulen bei der Umsetzung dieser Anforderungen zu fördern.

In diesem Kontext erscheint es uns bei der großen Anzahl von Schulen ganz entscheidend, dass in Form von (Fach)Berater/innen zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen entwickelt werden. Hierzu erarbeitet die Serviceagentur zusammen mit dem Institut für Schulentwicklungsforschung - ifs, Dortmund, ein Konzept zur Qualifizierung von Ganztagsberater/innen.

Verstärkt wollen wir auch die Arbeit der Staatlichen Schulämter unterstützen, damit diese Fortbildungs- und Vernetzungsveranstaltungen für die Ganztagsschulen vor Ort anbieten können. Schließlich ist es unausweichlich und notwendig, dass das Thema Ganztagsschule in der ersten und zweiten Ausbildungsphase der Lehrerinnen und Lehrer sowie vom Amt für Lehrerbildung (AfL) in den Fokus rückt, auch, weil die Arbeit an einer Ganztagsschule ein anderes Lehrerbild und ein verändertes Unterrichtsverhalten erfordern. Hierzu werden wir im Herbst dieses Jahres eine landesweite Fortbildung anbieten.


Stephanie Welke hat an der Fachhochschule Frankfurt a. M. Sozialarbeit studiert und sich im Rahmen eines Fernstudiums zur Sozialwirtin weiterqualifiziert. In ihrer beruflichen Praxis war sie vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt. Unter anderem arbeitete sie in einem Projekt des Jugendamtes der Stadt Frankfurt mit dem Schwerpunkt "Kooperationsberatung Jugendhilfe und Schule". Seit Februar 2005 ist sie bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung angestellt. In deren Namen hat sie die Serviceagentur in Frankfurt mit aufgebaut. Seit August 2007 ist sie in Kassel und gestaltet zusammen mit ihren Kolleginnen Hildegard Gastreich und Katharina Horn die Arbeit der Serviceagentur Kassel.

 

Autor: Petra Schraml
Datum: 06.05.2009
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