29. APRIL 2009

Auf dem Weg zum "Zukunftsprogramm Sekundarstufe I"

Gute Nachrichten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Die Stadt Herford möchte für alle Schulräume in der Sekundarstufe I Qualitätskriterien und Standards entwickeln. Im Mittelpunkt stehen realisierbare Konzeptionen für die Schulräume der Sekundarstufe I. So machten sich 5 homogenen Teilnehmergruppen daran, ihre Vision von der "Schule 2020" zu entwickeln. Am Ende sollen bessere Übergänge von der Ganztagsgrundschule in die Sekundarschule I stehen. Kein Wunder, dass das Interesse verschiedener Kommunen an dem Gelingen des Vorhabens wächst.

Die Stadt Herford hat sich einen Namen damit gemacht, dass sie zukunftsweisende Vorhaben nicht auf die lange Bank schiebt. Als beispielsweise das Thema Ganztagsschule in den Startlöchern steckte, beschloss sie alle Grundschulen in Ganztagsbetriebe umzuwandeln - womit auch die fraktale Schule und ein neues pädagogisches Raumkonzept in Deutschland Einzug hielt. Nun folgt im Jahr 2009 der zweite große Streich

Die ehemalige Hansestadt, die in sich ihrer Geschichte neuen Entwicklungen gegenüber stets aufgeschlossen zeigte, möchte für alle Schulräume in der Sekundarstufe I Qualitätskriterien entwickeln. Allerdings werden diese nicht von oben herab verordnet, sondern alle Beteiligten wie Politik und Verwaltung, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und nicht zuletzt die Schulleitungen sind in diesen Prozess einbezogen. 

"Der Politik ein Zukunftskonzept vorlegen"

Den Ausgangspunkt verdeutlichte Jutta Decarli, Bildungsdezernentin der Stadt Herford: "Wir wollen, dass Zukunft passiert." Es seien außer den 100.000 Euro je Schule aus den Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen kein Geld vorhanden. "Aber wir müssen mit den Mitteln arbeiten, die wir haben". Man müsse sich deshalb auf Einfachheit und Machbarkeit besinnen und vor diesem Hintergrund "ein Zukunftsprogramm mit einer Perspektive von zehn Jahren entwickeln". Bis zum 25. Mai 2009 werde dieser Leitbildprozess abgeschlossen: "Wir möchten der Politik ein beratungsfähiges Konzept vorlegen." Am Ende dieses Prozesses solle für jede Schule ein Entwicklungs- und Baukonzept erarbeitet werden: "Es geht um etwas Großes und Wichtiges."


  
Links im Bild: Dach der Futurum-Schule in Schweden (die Bilder der Futurum-Schule hat die Online-Redaktion mit freundlicher Genehmigung von Hans Ahlenius übernommen. Rechts im Bild: Jutta Decarli: "Wir möchten der Politik ein beratungsfähiges Konzept vorlegen."

Eine Performance in vier Akten

Da die Verwaltung um Schweppe diesen Prozess aber nicht dem Zufall überlassen möchte, hat sie den Ablauf in vier Phasen eingeteilt. Den Auftakt bildete am 19. Februar 2009 eine Grundlagenveranstaltung mit einem kleineren Personenkreis. Bereits vier Wochen später fand  eine Großgruppenveranstaltung mit rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt.

Am 23. April 2009 folgte ein Redaktionstreffen, an dem neben der Stadtverwaltung der Stadt Herford Repräsentanten der im Rathaus vertretenen Parteien, der Schulen sowie der Elternvertreter teilnahmen. Für den 18. Mai 2009 ist eine weitere Veranstaltung vorgesehen, in deren Mittelpunkt der Vorschlag von Formulierungen von Standards und Qualitätskriterien gegenüber dem städtischen Schulausschuss stehen soll. Die Veranstaltungen werden von der erfahrenen Moderatorin Ines Stade begleitet. Dass nun in Herford ein Veränderungsprozess stattfinde, an dem so viele unterschiedliche Akteure der lokalen Bildungslandschaft einbezogen sind, fänden viele Beobachter und Beraterkollegen "außergewöhnlich".

Investitionen zum Wohle der Kinder

"Warum ausgerechnet jetzt?" Es komme darauf an, die infolge der Krise besonders knapp gewordenen Mittel zum Wohle der Kinder einzusetzen, so Jutta Decarli, Bildungsdezernentin der Stadt Herford zum Auftakt der ersten Großgruppenveranstaltung am 23. März 2009. Während die Schülerinnen und Schüler, Elternvertreter der Stadtschulpflegschaft, Repräsentanten aller politischen Parteien, Lehrkräfte und Schulleitungen sowie die Vertreter der Stadtverwaltung im neu gestalteten fraktalen Gebäude der Grundschule Landsberger Straße zunächst in die Rolle von Zuhörern wechselten, gab es einen Anschauungsunterricht in Sachen Schulen der Zukunft in Deutschland und Skandinavien von Reinhard Kahl.


 
Links im Bild: Reinhard Kahl umgeben von Schülerinnen und Schülern (sie kamen aus allen Schulformen). Rechts im Bild: Präsentation der Ergebnisse der Schülergruppe. Sie fand viel Zustimmung. "Brillant" war sie sogar für Hans Ahlenius.  

Die Räume als dritter Pädagoge inspirieren zum Lernen und Forschen: "Räume ermöglichen die wache Gegenwart, sie entlasten von Dingen, die unangenehm sind", so der Filmemacher. Das lateinische Wort "Scholae" (deutsch: Schule) kommt ursprünglich schließlich von Muße bzw. das Freisein von Mühsal: "Die Aufgabe der Schule ist das Herstellen von Zukunft", fügte Kahl hinzu.

Nun schlägt also die Stunde der Zukunft auch für die Sekundarschulen I in Herford: Doch im Vordergrund stehen realisierbare Konzeptionen für die Schulräume der Sekundarstufe I. So machten sich 5 homogenen Teilnehmergruppen daran , ihre Vision von der "Schule 2020" zu entwickeln.  Die Gruppen, die aus sich aus Eltern, Lehrern, Schülern, Schulleitungen sowie aus Vertretern der Politik und der Verwaltung zusammensetzten, entwarfen "Visionsbilder".

Die Stunde der Jugend

Die Schülerinnen und Schüler waren die ersten, die sich zurückzogen, um ihre "Visionsbilder" zu entwerfen. Dabei fand nicht nur ihre Präsentation großen Widerhall beim erwachsenen Publikum ("da sieht man, was man ihnen zutrauen kann", so Decarli), sondern auch ihre konkreten Vorstellungen überzeugten: Die Jugendlichen wünschten mehr Bewegungsräume: In vielen viereckigen Räumen fühle man sich eher "wie in einem Knast", meinte ein Schüler. Für den Innenbereich sei mehr Holz und warme Farben in den Klassenräumen angesagt: "Wenn wir etwas selber mitgestalten, machen wir es nicht so schnell kaputt", meinte Erika Dück, 16 Jahre.



Links im Bild: Szene aus der Futurum-Schule. Rechts im Bild: Der engagierte Schulleiter Friedrich-Wilhelm Harre, der die einzige Hauptschule in Herford leitet: "Es ist spannend zu sehen wie Gedanken zu Stein werden."

Aus Sicht der Schulleitungen soll die Schule der Zukunft ein Lernort sein, in dem Leben, Denken und Fühlen erlaubt sind. Ferner solle ihr Raumprogramm Teamstrukturen und individuelle Förderung ermöglichen. Für Politik und Verwaltung geht es darum, die Außenräume stärker einzubeziehen, damit Spontaneität möglich wird. Außerdem wolle man sich vom 45-Stundenrhythmus verabschieden, der einer neuen Lernkultur im Wege steht. Die Lehrkräfte verstehen die Schule als einen Lern- und Lebensort. Dieser verfüge über Lehrerarbeitsplätze sowie Rückzugsmöglichkeiten.

"Heute mögen, morgen vermögen"

Der seit vielen Jahren in Schweden lebende Pädagoge Rainer von Groote erläuterte die Schule der Zukunft "Skola 2000", die nach der Blaupause von Ingemar Mattson arbeitet und in vielen schwedischen Schulen angewandt wird. Gute Schülerleistungen, so eine Prämisse von "Skola 2000" sind dort am ehesten zu erwarten, wo die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden.

Schulen, die nach "Skola 2000" arbeiten, passen ihre Räumlichkeiten in Größe, Funktion und Ästhetik an die methodischen Anforderungen der individuellen Förderung an: "Schulraum bedeutet: heute mögen, morgen vermögen". Da durch das Raumkonzept weniger Platz pro Schüler benötigt wird, werden Ressourcen frei, die für wichtige pädagogische Aufgaben genutzt werden.


 
Die Futurum-Schule in Schweden.

"Futurum": "Vom ersten Tag an begeistert und inspiriert"

Ein Schulkonzept das die Zukunft schon im Namen trägt, ist die "Futurum" Skola, die seit dem Jahr 1997 in Schweden im Rahmen von Renovierungsarbeiten entstand. Der schwedische Pädagoge Hans Ahlenius stellte sie in Herford vor. Das Lehrerkollegium, so der Pädagoge nutzte den notwendigen Umbau, um die Schularchitektur an die Gegebenheiten einer neuen Pädagogik anzupassen. Diese hatte die schwedische Regierung laut Ahlenius wie folgt formuliert: Das Milieu soll die Kinder dazu inspirieren, die Umwelt zu erforschen." Die Umgestaltung der alten Schule beinhaltete alle möglichen Perspektiven: Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegium, Raum, Lehrplan, Inhalt und Methoden.

"Es geht darum, ein Milieu von Bedürfnissen und Interessen der Schule anzupassen. Die Schülerinnen und Schüler sollen vom ersten Schultag an begeistert und inspiriert werden". Wo zuvor nur eine Schule existierte, gab es nun sechs kleine. Sie repräsentieren räumlich und hinsichtlich der Farben die sechs Kontinente des Globus. Verschwunden ist auch der gute alte Klassenraum, der einer multimedialen Lernlandschaft weichen musste. Die Kinder und Jugendlichen, die in altersgemischten Gruppen arbeiten, erledigen ihr ganz eigenes individuellen Lernpensum - und sie werden dabei von Lehrerteams betreut.

Höchstanforderungen an alle Beteiligten

Von Vorbildern kann man lernen oder sich inspirieren lassen, aber man kann sie nicht eins zu eins kopieren. Dementsprechend präzisierte Rainer Schweppe die Fragestellung. Sie lautete: "Wie geht es mit unseren Grundschülern weiter?" Wenn sich die Schülerinnen und Schüler an die integrative offene Ganztagsgrundschule gewöhnt hätten, würden sie beim Übergang in die Sekundarstufe I wichtige pädagogische und räumliche Lernanreize vermissen. Die Eckpunkte für das Standardraumprogramm in Herford brachte Bildungsdezernentin Decarli auf den Punkt. Dazu gehörten: Platz für die Mensa, Bibliotheken, Gruppenarbeitsräume, Freizeiträume, Gruppenarbeitsräume, Räume für Fachunterricht.

Von der Visionsphase, die am Vormittag stattfand, ging es in rascher Folge in die Realisierungsphase. "Meist lassen sich 70 bis 80 Prozent der Visionen in die Praxis umsetzen", erklärte die Moderatorin Ines Stade. Insgesamt bleibe den Gruppen, deren Zusammensetzung sich nicht geändert hatte, eine Stunde Zeit. Der Auftrag lautete wie folgt: Austausch in Gruppen zu den Impulsvorträgen aus Schweden (20 Minuten) gefolgt von einer Machbarkeitsprüfung (20 Minuten) sowie Qualitätskriterien auf den Punkt gebracht (20 Minuten). "Das, was wir hier machen, ist eine Höchstanforderung", ermutigte Stade die Gruppen.


  
Links im Bild: Eingang der Futurum-Schule. Rechts im Bild: Hans Ahlenius diskutiert in Herford auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern.

"You can change the system"

Die Schülerinnen und Schüler gingen auch diesmal mit gutem Beispiel voran und zogen Hans Ahlenius zu Rate. Es folgte ein spannender Austausch zwischen den Generationen: Die erste Frage des Pädagogen: "Geht ihr gerne in die Schule?" "Manchmal", so die Jugendlichen. "Ihr braucht in Deutschland mehr Zeit". Die Welt sei voller Informationen, schon dafür brauche man den Ganztag. "Wir müssen versuchen, globaler zu denken."

In Schweden habe das holistische (ganzheitliche) Denken in der Schule einen großen Platz. "You can change the system" meinte er an die Adresse der Jugendlichen. Dann wurde er konkret: "Wenn ihr die Macht hättet, was würdet ihr zuerst ändern? - "Ihr solltet zuerst die Organisation verändern". Als es zur Präsentation der Gruppen kam, plädierten die Schülerinnen und Schüler dafür, das individuelle Lernen in den Vordergrund zu stellen und die Klassenräume besser zu gestalten.

Neue Qualitätskriterien und zufriedene Kinder und Eltern

"Welche der Qualitätskriterien sollten unbedingt im Raumkonzept berücksichtigt werden?", so lautete die abschließende Frage der Moderatorin. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nun gefordert, Punkte zu vergeben. Das Ergebnis nach der höchsten Punktzahl: 1) Schule als Lebensraum 2) Klasse als Heimat 3) Individuelles Lernen 4) Rückzugsmöglichkeiten 5) Vertrauen 6) Variable Nebenräume 7) Selber forschen 8) Lehrerarbeitsplatz 9) Lernzentren 10) Transparenz.


  
Szenen aus der Futurum-Schule. "Die Schülerinnen und Schüler sollen vom ersten Schultag an begeistert und inspiriert werden" (Hans Ahlenius).

Der ganze Prozess verlief ausgesprochen harmonisch und konstruktiv. Dies brachte eine Politikerin wie folgt auf den Punkt: "Bei allen Beteiligten ist der Wille spürbar, Schule als Gemeinschaftsaufgabe voranzubringen." Und die Elternvertreterin Kerstin Bruns fügte hinzu: "Es ist das erste Mal, dass die Stadtverwaltung ein solches Interesse an der Elternmeinung bekundet."

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 29.04.2009
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