3. APRIL 2009

1. Ganztagsschulkongress Sachsen-Anhalt: "Nur Leute gesehen, die etwas bewegen wollen"

Der erste Ganztagsschulkongress des Landes, den das Kultusministerium gemeinsam mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt und dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerfortbildung Sachsen-Anhalt (LISA) am 18. März 2009 veranstaltete, erwies sich als Publikumsmagnet. Das Motto "Nichts passiert von allein" war Programm für das Thema "Qualitätsentwicklung an Ganztagsschulen". Die über 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die den Saal im Magdeburger Büro- und Tagungs-Center komplett füllten, erlebten eine abwechslungsreiche Mischung aus Vorträgen, Bühnenaufführungen, guten Schulbeispielen und Workshops. So war für jeden etwas dabei.

Die Gelegenheit, sich vor Ort einen Eindruck von der bunten Vielfalt der Ganztagsschulen zu verschaffen, liess sich der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Wolfgang Böhmer, natürlich nicht entgehen. Während seines Rundgangs durch die Ausstellung warfen gute Schulbeispiele ein Schlaglicht auf die wohl bedachte Entwicklung der Ganztagsschulen, die nicht zuletzt durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) einen starken Schub bekam. Einen besonderen Eindruck hinterließ bei Böhmer, dessen Anwesenheit übrigens ebenso wie die seines Kultusministers Prof. Hendrik Olbertz die Bedeutung der Ganztagsschulen bekräftigte, allerdings ein Zitat, das er während seines Rundgangs durch die Ausstellung guter Schulbeispiele aufgegriffen hatte.

"Schule beginnt mit Neugierde der Kinder"

Es geht auf den französischen Humoristen François Rabelais zurück, der 1546 schrieb: "Kinder sind keine Fässer, die gefüllt werden müssen, sondern Flammen, die entzündet werden wollen." Dieses Zitat fand sich in etwas abgewandelter Form auf einer Schautafel der Ganztagsschule Nebra. Während seines einführenden Vortrages kam Ministerpräsident Böhmer darauf zurück. Lernen bedeute, ein Feuer bei den Kindern zu entfachen.

Schule müsse die Kinder motivieren und ihnen verdeutlichen, dass Lernen Spaß mache. "Schule beginnt mit Neugierde der Kinder." Sie erfülle eine gesellschaftliche und individuelle Aufgabe: "Die Schule soll fit für das Leben und den späteren Berufsweg machen. Eine fundierte Schulbildung, praxisnahes Wissen und ein erfolgreicher Schulabschluss sind dafür unerlässlich. Die Qualität der schulischen Arbeit der Ganztagsschulen wird daran gemessen,  wie es ihnen gelingt, diesen Anforderungen gerecht zu werden", erläuterte der Ministerpräsident.


 
"Lernen bedeutet, ein Feuer bei den Kindern zu entfachen", so der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Wolfgang Böhmer.

Auf die Eltern kommt es an

Böhmer ist sich daher auch zum "Klinken putzen" bei den Unternehmen oder bei der Industrie und Handelskammer (IHK) nicht zu schade. Möglichst viele Jugendliche sollten schließlich in Lehrstellen vermittelt werden. Allerdings sah der Politiker einen Wermutstropfen darin, dass mehr als 25 Prozent der Schulabgänger ihre Ausbildung wieder abbrechen. Ganztagsschulen könnten hier gegensteuern, indem sie die Kinder und Jugendlichen mit Berufsbildern vertraut machen. Da die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen stärker durch die Familie als durch Ganztagsschulen geprägt würde, müsse man die Eltern stärker in die Entwicklung von Konzepten für die Ganztagsschulen einbeziehen. Der Ministerpräsident erinnerte auch daran, dass der Ausbau von Ganztagsschulen eine globale Entwicklung darstelle.

Weiterer Ausbau der Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt

Wie Böhmer, sprach sich auch Kultusminister Olbertz dafür aus, die Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt weiter auszubauen. Es gehe darum, eine Vielfalt an Angeboten einzurichten, die Zeitstrukturen gut zu gestalten und auf die Verbindung von Schule und außerschulischen Partnern zu setzen. Ferner zählte der Minister die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen wie auch neue Formen des Unterrichts, den Wechsel der Methoden, hohe Leistungsanforderungen, das Gemeinschaftserlebnis oder die breite Partizipation an dem Projekt Ganztagsschule zu den Qualitätsmerkmalen.

"Die Schule erfüllt ihren Zweck, wenn sie die Kinder stark macht." Die Relevanz von Lernstoff, auf die es in der modernen Schule ankomme, könne durch die Ganztagsschulen besonders gefördert werden. Sachsen-Anhalt sei ein Land, das im Rahmen des IZBB strenge Anforderungen an die Vergabe der insgesamt 126 Mio. Euro gestellt habe: "Nicht die schnellsten und lautesten, die besten Schulen haben den Zuschlag bekommen."


  
Hafenatmosphäre an der Elbe unweit des Magdeburger Büro- und Tagungs-Centers. Eine Denkfabrik im Gewerbegebiet ist auch ein Sinnbild der Globalisierung.  

Qualität als wichtigstes Ziel

Die Vergabe der Mittel sei kein "Lottogewinn", sondern eine "Siegerprämie". Gegenwärtig gehören 77 Ganztagsschulen in diese Kategorie. Zu den entsprechenden  Zielen der Landesregierung heißt es: "Insbesondere an Schulstandorten in sozialen Brennpunkten, an Schulen mit besonderem Profil oder in Projekten zur Bega­bungsförderung können Ganztagsangebote eine wichtige Erweiterung des schulischen Angebotsspektrums sein, wenn sie den Schülerinnen und Schülern individuelle und unterrichtsergänzende Förderung ermöglichen. Unter diesem Aspekt hat die Landesregierung insbesondere die Sekundarschulen zum Förderschwerpunkt erklärt."

Die Schulen und Schulbehörden sind gemäß §11a des Schulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt "zu kontinuierlicher Qualitätssicherung schulischer Arbeit verpflichtet". Ferner wird unter den Begriffen "Qualitätskriterien/ Evaluation" ausgeführt: "Alle Schulen des Landes werden angeregt, eigene Schulprogramme, in deren Mittelpunkt die Steigerung der Qualität unterrichtlicher Bildungs- und Erziehungsarbeit steht, zu entwickeln, umzusetzen und regelmäßig zu evaluieren."

Der erste Ganztagsschulkongress des Landes bot die Gelegenheit, 20 gute Praxisbeispiele hautnah zu erleben. Diese 20 Ganztagsschulen, die als Teil für das Ganze bzw. als Referenzschulen für den gegenwärtigen Entwicklungsstand stehen, sind wiederum Teil eines Netzwerkes, das die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt um Leiterin Sylvia Ruge seit Jahren aufgebaut hat. 

Von der Bedeutung des Teams und des Teamwissens

Sowohl Ministerpräsident Böhmer als auch Kultusminister Olbertz verdeutlichten, dass die Kooperation mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" ein zentraler Pfeiler für die Entwicklung der Ganztagsschulen im Land darstellten. Anwesend war auch die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), Dr. Heike Kahl, die die Philosophie der Stiftung erläuterte. Eine Säule ihrer Arbeit sei es, Menschen zusammenzubringen. "Wir wissen als Stiftung, dass Schulentwicklung eine hohe Eigenmotivation der Lehrkräfte, aber auch der Partner von Schulen erfordert. Und in dieser Haltung des 'Wollens' brauchen sie genauso Unterstützung wie beim 'Können'. Die Regionale Serviceagentur für Ganztagsschulen bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung unterstützt sie dabei."


 
Bild links: Sylvia Ruge, Dr. Heike Kahl und Prof. Jan-Hendrik Olbertz (v.l.n.r.). Rechts im Bild: Angeregte Diskussion in einem Workshop.

Auf dem ersten Ganztagsschulkongress des Landes traten auch Referenten aus anderen Ländern auf. So Prof. Olaf-Axel Burow, Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel. Er befasste sich mit der Frage "Welche Schulkultur braucht die Ganztagsschule?" Die Prämisse Burows: "Kern der neuen Kultur der Ganztagsschule muss die Umsetzung des Anspruches auf Bildungsgerechtigkeit sein." Der Erziehungswissenschaftler griff zur Beantwortung seiner Frage auf die Theorie sozialer Netzwerke zurück. Demnach werden Chancen, Risiken oder auch Kulturgüter über soziale Netzwerke vermittelt. in Paradebeispiel sind die Bildungslandschaften.

Sie seien nicht nur ein komplexes soziales Gewebe, sondern ermöglichten Entwicklungsbündnisse mit vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise warnte der Erziehungswissenschaftler davor, dass sich statt der gegenwärtig 2,5 Mio. Kinder, die heute in Armut leben, die Zahl leicht verdoppeln könne. Hierbei müsse sich die Gesellschaft über die Werte verständigen, so Burow. Was zeichnet eine zukunftsfähige Schule aus? Eine neue Sicht auf Schule, das Nutzen des pädagogischen Teamwissens, ein Wandel der Lehr- und Lernkultur.

Plädoyer für den Ganztag

Während der Vormittag den Vorträgen der Politiker und Wissenschaftler, aber auch dem bühnenreifen Auftritt des Schüler-Kabaretts gehörte, widmete sich der Nachmittag der Vertiefung der Diskussion und des Austausches. Die Themen der Workshops lauteten: "Akteure in der kommunalen Bildungslandschaft", "Elternmitwirkung", "Was motiviert uns zum Lernen?"

Die letztgenannte Frage beantwortete der Hirnforscher Prof. Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Wie kommt es vom Kurzzeitgedächtnis, dessen Informationen elektrisch gelöscht werden können, zum Langzeitgedächtnis, dessen Informationen strukturell verankert sind? Hintergrund sei ein Umbau- bzw. Speicherprozess des Gehirns, dessen Geheimnis erst kürzlich gelüftet worden sei. Versuche hätten nachgewiesen, dass die Wiederholung eines Lernvorgangs nach ein paar Stunden den Umbauprozess verstärke. Zuständig dafür sei das Hormon Dopamin, das bei Lernerfolgen ausgeschüttet werde: "Die Dopaminausschüttung ist motivationsfördernd".


 
Bild links: Hirnforscher Prof. Henning Scheich: "Wie kommt es vom Kurzzeitgedächtnis, dessen Informationen elektrisch gelöscht werden können, zum Langzeitgedächtnis, dessen Informationen strukturell verankert sind?" Bild rechts: Prof. Olaf-Axel Burow fragte: "Welche Werte bestimmen die Kultur unserer Gesellschaft?"

"Erfolgreiche Bearbeitung von Fehlern" und Lernen am Nachmittag

Es werde allerdings eher unter leichten Druck und beim Lernen aus Fehlern ausgeschüttet. Ausschließlich positive Rückkoppelung und Lob führten zum langsameren Lernen. Es gehe um "erfolgreiche Bearbeitung von Fehlern". Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Ganztagsschulen? "Man sollte dafür sorgen, dass man die Lernenden ein bisschen unter Druck setzt - das Wesentliche ist: Die Bilanz muss positiv sein." Reichlich Stoff also für die Diskussion unter den Praktikern.

So auch am Stand der Grundschule Nebra, die das oben angeführte Zitat von Rabelais als Motto ihrer Pädagogik aufgegriffen hatte. "Kinder loben alleine reicht nicht. Sie können und sollen Fehler machen", schloss Susann Sander, die als Elternvertreterin die Grundschule repräsentierte. Eine lange Mittagspause und eine Wiederholung des Stoffs am Nachmittag seien auf der Grundlage des eben gehörten Vortrages biochemisch unbedingt erforderlich. Konflikte zwischen den Kindern und der Schule könnten durchaus nützlich für den Lernerfolg sein.   

Rahmenbedingungen, Qualitätssicherung und Unterstützungssysteme

Dass die Grundschule Nebra von zwei Elternvertretern repräsentiert wurde, während sich die Schulleiterin Zeit für den Besuch eines Workshops nahm, verdeutlicht, wie positiv der Teamgedanke auf alle Beteiligten abgefärbt hat und dass die Mischung die Schule stärkt. "Ich lege meine Hand für diese Schule ins Feuer", meinte Inge Lehmann, deren behindertes Kind gemeinsam mit anderen in einer toleranten und wertschätzenden Atmosphäre lernt. Viele Kinder in der Schule würden sich darum reißen, ihrem Kind zu helfen.



"Kinder loben alleine reicht nicht. Sie können und sollen Fehler machen", so Susann Sander (links im Bild), die als Elternvertreterin die Grundschule Nebra repräsentierte. Bild rechts: "Lehren heißt nicht ein Fass füllen, sondern ein Feuer entfachen."

Ein interessanter, ebenfalls gut besuchter Workshop widmete sich dem Thema "Qualitätssicherung", der von Christine Wolfer, Leiterin der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen, moderiert wurde. "Was brauchen die Schulen?" lautete eine Frage. "Mittagessen, Schulautonomie, Verlässlichkeit, Erlasse mit längerer Gültigkeit, Ruhe vor der Verwaltung" - diese Antworten hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erarbeitet. Wolfer fasste die Diskussion in drei Begriffen zusammen: "Rahmenbedingungen sichern, Qualitätssicherung und Unterstützungssysteme".

Zwei Stimmen brachten zum Abschluss des Kongresses die Aufbruchsstimmung auf den Punkt. "Ich habe nur Leute gesehen, die etwas bewegen wollen", so Heiko Hübner vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt. Ähnlich überzeugt äußerte sich Karsten Bucksch, der Vorsitzende des Landeselternrates: "Es war ein schöner Überblick über die Entwicklungen der Ganztagsschulen in unserem Land. Neben interessanten Vorträgen und Workshops gab es in der Pause auch Zeit für interessante Gespräche mit Schülern, Schulleitern und Schulamtsleitern."

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 03.04.2009
© www.ganztagsschulen.org

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