Verstärken Hausaufgaben die Chancenungleichheit von Schülerinnen und Schülern? Wie können Hausaufgaben in Ganztagsschulen so organisiert werden, dass soziale Selektionseffekte nicht verstärken? Dr. Heinz-Jürgen Stolz erläutert im Interview die Ziele des Forschungsprojekts "Die soziale Konstruktion der Hausaufgabensituation" am Deutschen Jugendinstitut (DJI) und nimmt Stellung in der Debatte über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben.
Online-Redaktion: Dr. Stolz, über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben wird viel gestritten. Gibt es einen Forschungskonsens zu dieser Frage?
Heinz-Jürgen Stolz: Obwohl es dazu eine lange und umfassende Forschungstradition, besonders in den USA, gibt, ist es bis heute weder be- noch widerlegt, dass Hausaufgaben einen pädagogischen Effekt erzielen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen deshalb überwiegend eine sehr differenzierte, mitunter auch skeptische Position zu diesem pädagogischen Instrument ein, während sie bei allen Akteursgruppen, die unmittelbar mit diesem Thema befasst sind - Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Betreuer/innen und Eltern - eine hohe Akzeptanz genießen.
Das Argument, das für die Hausaufgaben genannt wird, ist die Anleitung zur Selbstständigkeit und zur Selbstregulation. Die Kinder erleben hier, unter Druck eine Aufgabe zu vollenden, weil es sonst Ärger mit den Lehrkräften und den Eltern gibt. Ein Mythos, der sich meiner Meinung nach mit den Hausaufgaben verbindet, ist, dass sie zum Erwachsenwerden dazugehören.
Stolz: Das Thema Hausaufgaben befindet sich an der Nahtstelle dreier Bildungsorte, zwischen der Institution Schule und den Familien sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wie den Horten. Gerade in Deutschland steht das Problem der herkunftsbedingten Bildungsbenachteiligung im Vordergrund und damit auch die Frage, wie sich Chancengerechtigkeit besser organisieren lässt. Die Hausaufgaben spielen dabei eine wichtige Rolle.
Online-Redaktion: Wie hat sich aus dieser Problematik Ihr Forschungsprojekt entwickelt?
Stolz: Die Ganztagsschule erhebt den Anspruch, "Zeit für mehr" zu bieten - und damit auch die Zeit, Hausaufgaben im schulischen Kontext erledigen zu können. Das heißt wiederum, dass für Kinder die Chance bestehen sollte, ihre möglicherweise schlechteren familiären Förderbedingungen auszugleichen, weil es in Ganztagsschulen die klassischen Hausaufgaben eigentlich so nicht mehr gibt. In diesem Punkt stimmen Anspruch und Wirklichkeit allerdings nicht überein.
Es gibt unterschiedliche Varianten, wie die Hausaufgaben in Ganztagsschulen erledigt werden. In unserem Projekt wollen wir zeigen, welche Auswirkungen die verschiedenen Gestaltungsformen im Hinblick auf eine "soziale Vererbung" von Bildungsbenachteiligung haben oder ob sie dieser entgegenwirken.
Online-Redaktion: Wie sind Sie vorgegangen, um das untersuchen zu können?
Stolz: Das Projekt ist recht komplex angelegt. Zunächst wollen wir unterschiedliche organisationale Gestaltungsvarianten der Hausaufgabenerledigung als soziale Kontextbedingungen vergleichen. Wir haben daher Hintergrundgespräche mit Betreuer/innen, Schulleitungen und Lehrkräften geführt und drei Settings identifiziert, die sich in ihren pädagogischen Praktiken deutlich voneinander unterscheiden: Erstens eine Ganztagsschule mit einer zeitlich für alle Kinder als verbindlich festgelegten Hausaufgabenstunde. Zweitens eine Ganztagsschule mit individualisierter Aufgabenstellung und flexiblen Bearbeitungsformen.
In dieser Schule können die Schülerinnen und Schüler also selbst entscheiden, wann sie die Aufgaben zeitlich erledigen, ob sie diese in Einzel- oder Teamarbeit bearbeiten wollen und ob sie von der eigenen Klassenleitung oder von Erzieher/innen Unterstützung erhalten möchten. Bei der dritten Schule handelt es sich um eine Ganztagsschule, welche die Hausaufgaben abgeschafft hat und stattdessen Stillarbeitsphasen in den Unterricht integriert. Der Schulranzen muss dort im Spind verbleiben - zu Hause werden keine Aufgaben mehr gelöst.
Diese drei Settings vergleichen wir. Nach umfassender Recherche fanden wir in Bayern - dies aus pragmatischen Gründen, denn unser Institut hat seinen Sitz in München - drei entsprechende Schulen. Alle Eltern der Schülerinnen und Schüler in der 4. Jahrgangsstufe erhielten einen standardisierten Fragebogen. Damit wurde das soziale, ökonomische und kulturelle Kapital abgefragt, das in den Haushalten vorhanden ist, um die Kinder verschiedenen Milieus zuzuordnen. Dazu haben wir uns an dem aktuellen Forschungsstand entsprechenden Indikatorenbildungen orientiert.
Daneben stellten wir auch Fragen nach den kulturellen Praktiken der Familien jenseits der Hausaufgabenunterstützung - was zum Beispiel unternehmen die Eltern mit ihren Kindern? Hier arbeiteten wir mit Fragen aus dem DJI-Kinder-Panel.
Darüber hinaus wurde die Hausaufgabenpraxis vor Ort beobachtet: Sitzen die Kinder getrennt voneinander? Flüstern die Kinder mit ihren Nachbarn? Gehen sie aktiv fragend auf die Pädagogen und Pädagoginnen in der Hausaufgabenbetreuung zu usw.? All dies wurde in Beobachtungsbögen festgehalten.
Online-Redaktion: Wann ist Ihr Projekt gestartet?
Stolz: Das Projekt ist 2008 gestartet und läuft bis Jahresende 2009. Vor genau einem Jahr lief die erste Erhebungswelle an.
Online-Redaktion: Wie haben Sie die bisher gewonnenen Ergebnisse genutzt?
Stolz: Wir haben die voll standardisierten Fragebögen ausgewertet und dabei drei Milieugruppen gebildet. Daraufhin befragten wir Schülerinnen und Schüler aus je einer dieser Gruppen und einer dieser Schulen, so dass ein Tableau entstanden ist, bei welchem in jeder der drei Schulen jedes Sozialmilieu mit mindestens einer Familie vertreten ist. Diese Kinder und ihre Eltern - meistens sind das die Mütter gewesen - wurden dann in qualitativen Leitfadeninterviews befragt.
Diese Kinder und ihre Eltern werden jetzt nach einem Jahr noch einmal in der 5. Jahrgangsstufe befragt. Die zweite Feldforschungsphase hat gerade begonnen. Unsere Hypothese lautet: Während in der Grundschule oft noch reformpädagogisch reflektierte Unterrichts- und Arbeitsmethoden angewendet werden, kommt es in der Sekundarstufe I zu einem "Kulturschock" durch herkömmlichen Frontalunterricht und klassische Hausaufgaben. Uns interessiert, ob sich durch die reformpädagogischen Lernumgebungen nachhaltige Wirkungen einstellen: Haben die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern ihre Lerndispositionen, ihr Bewältigungsverhalten von Hausaufgaben so verändert, dass sie auch mit den veränderten Bedingungen der Sekundarstufe I zurecht kommen? Was kann man mit reformpädagogisch orientierten Methoden in der Grundschule ausrichten, wenn nachher diese Unterstützung wegfällt?
Online-Redaktion: Welche innovativen Formen der Hausaufgabengestaltung sind Ihnen neben der erwähnten Einarbeitung von Stillarbeitsphasen eventuell noch begegnet?
Stolz: Um drei unterschiedliche Schulen zu finden, mussten wir im Vorfeld überhaupt erst recherchieren, wie die Hausaufgabenpraxis in bayerischen Schulen aussieht. Zuerst wäre da eine regionale Besonderheit zu nennen: In den so genannten Tagesheimschulen findet eine ganztägige Bildung und Betreuung innerhalb der Schule statt.
Ansonsten wäre der Wochenplan zu nennen, bei dem die Schülerinnen und Schüler Aufgaben für eine Woche erhalten und dann selbst entscheiden können, wann sie diese in der Woche erledigen. So sollen sie mehr Selbstregulationsfähigkeiten erwerben. Wir wollten zunächst auch eine Schule mit Wochenplan in unsere Untersuchung aufnehmen, sind indes davon abgekommen, weil dieses Instrument oft nur von einzelnen Lehrkräften, aber nicht von der ganzen Schule und auch nicht über mehrere Schuljahre hinweg eingesetzt wird.
Online-Redaktion: Bringt die Ganztagsschule den Familien eine Entlastung durch die Erledigung der Hausaufgaben in der Schule?
Stolz: Mit unserer qualitativen Studie können wir das nicht beantworten, aber es liegen Erkenntnisse aus der StEG-Studie vor: Danach empfinden die Eltern die Ganztagsschule als deutliche Entlastung, was besonders auf die Bewältigung der Hausaufgaben in der Schule zurückgeführt wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass dadurch auch größere Bildungseffekte erzielt werden.
Besonders problematisch ist es zum Beispiel in manchen Ganztagsschulen, wenn Schülerinnen und Schüler mit den ihnen gestellten Aufgaben nicht innerhalb der gegebenen Zeit fertig werden und ihre Aufgaben dann doch noch mit nach Hause nehmen müssen. Hier kann ein negativer Selektionseffekt entstehen, weil es sich häufig um genau die Kinder handelt, die zu Hause am wenigsten Unterstützung durch ihre Eltern erhalten. Wir haben in unserer Untersuchung durchaus Eltern, die Schwierigkeiten haben, ihrem Grundschulkind in der 4. Klasse zu helfen, weil sie selber die Lösungen zu den gestellten Aufgaben nicht wissen. Dieses Problem ist in der Ganztagsschule noch nicht hinreichend gelöst.
Online-Redaktion: Was wird mit den Forschungsergebnissen geschehen?
Stolz: Natürlich werden die Resultate in die wissenschaftliche Community und die Fachdiskussion zu Bewältigungskonstellationen von Hausaufgabenanforderungen eingespeist. Es findet ja eine rege Diskussion in der Wissenschaft, besonders zur sozialmilieuspezifischen Bewältigung von Aufgaben der formalen Bildung statt.
Online-Redaktion: Zu Beginn fragten wir Sie zum aktuellen Forschungsstand in Sachen Hausaufgaben. Verraten Sie uns zum Abschluss, wo Sie sich persönlich in dieser Debatte verorten?
Stolz: Ich finde, dass wir mit der Ganztagsschulentwicklung danach trachten sollten, Arbeitsphasen zu ermöglichen, in denen Schülerinnen und Schüler auf sich selbst gestellt sind, aber auch Aufgaben zu stellen, die in Kleingruppen bewältigt werden, wie dies später in der Ausbildung oder an der Universität geschieht. Das kann die Teamfähigkeit schulen und den Leistungsindividualismus ein Stück zurückschrauben. Es sollten auch mehr Transferelemente eingebaut werden, statt nur auf das Abfragen nach dem Prinzip des Nürnberger Trichters zu setzen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 10.03.2009
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