Amaro Kher" ("Unser Haus") ist nicht nur ein Symbol der Hoffnung, das Roma-Integrationsprojekt ist auch Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Engagements. Es verdeutlicht, wie Kinder und deren Eltern, die am äußersten Rand der Gesellschaft leben, durch ganztägige Bildung eine Perspektive für ein selbstständigeres Leben erlangen.
Kaum drei Jahre ist es her, dass der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Vernor Muñoz Villalobos das Integrationszentrum und Schulprojekt für Romakinder "Amaro Kher" in Köln besuchte. Er kam während seines Besuches zu folgendem Ergebnis: "Das Projekt ist vorbildlich für den Versuch, wenigstens einigen Kindern aus der extrem unterprivilegierten Gruppe der Roma eine Chance auf Bildung zu eröffnen."
Die Entstehungsgeschichte des Projektes ist ein Lehrstück für das außergewöhnliche Engagement und Verantwortungsgefühl einiger lokaler Gruppen und Persönlichkeiten. Dazu die Historikerin und Leiterin des Schulprojektes, Marlene Tyrakowski: "Die Roma wurden im Nationalsozialismus verfolgt und haben keine Entschädigung erhalten. Für mich und für viele andere spielt deshalb der ethische Gedanke der Wiedergutmachung eine große Rolle."
Ethik der Wiedergutmachung
Deswegen habe sie sich dafür entschieden, dass die Stelle als Leiterin der Schule ihre letzte berufliche Station werden solle. "Egal, welche Fehler die Roma noch heute begehen, ich fühle mich ihnen verpflichtet." Im Jahr 2001 machte sich der Rom e.V. zunächst aus eigenen Kräften auf dem Weg, indem er nach dem Vorbild des Frankfurter Projektes "Schaworalle" ein Kulturzentrum ins Leben rief, das den Familien Halt in einer unwirtlichen Umgebung geben sollte.
Noch im Jahr 2002 wurden viele Romafamilien am Rande der Stadt in einem Containerschiff am Rhein untergebracht. Im Jahr 2004 setzte "Amaro Kher" mit der Gründung des Schulprojektes ein deutliches Zeichen für die Integration. Gemeinsam mit der Stadt Köln und dem nordrhein-westfälischen Integrationsministerium verschrieb man sich der Aufgabe, die Romakinder von der Straße zu holen, um sie an die Regelschulen heranzuführen.
Die Kinder und ihre meist sehr jungen Eltern haben als Kriegsflüchtlinge und Vertriebene schwerste Entbehrungen sowie scharfe gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren. Viele sind schwer traumatisiert und haben auch in Deutschland meist nicht die erhoffte Sicherheit und Perspektiven angetroffen. Die kritische Situation der Romakinder spiegelt sich auch in dem Bericht des Sonderberichterstatters Muñoz von 2006: Dem außergewöhnlich mutigen und integrativen Projekt maß der VN-Beauftragte für das Recht auf Bildung daher eine große Bedeutung zu.
Drei Jahre später.
Damals wie heute ragte der "Colonius", der ein Wahrzeichen der Stadt Köln ist, über dem Geschehen, während seine Turmspitze in über 200 Metern Höhe in einen dunstigen Nebel eingehüllt ist. Eine winterlich-kalte Atmosphäre hat sich über den Vorplatz des Schulgeländes gelegt, das durch den tauenden Schnee ebenso matschig ist wie vor drei Jahren.
Wo seinerzeit allerdings ein umgekipptes, verlassenes Dreirad und ein Bobbycar lagen, stehen nun zwei Kleinbusse des Schulprojektes "Amaro Kher". Sie haben die Kinder am frühen Morgen aus den Flüchtlingsheimen abgeholt und sie pünktlich zur Schule am Venloer Wall 17 gebracht. Dort werden die Kinder in zwei jahrgangsgemischten, außergewöhnlich heterogenen Gruppen unterrichtet.
Die Gebäude der Schule haben zwar nach wie vor etwas Provisorisches an sich, doch die Ausstattung von Schule und Kindertagesstätte haben sich grundlegend zum Besseren gewandelt. So sieht es auch die Leiterin der Einrichtung, Marlene Tyrakowski: "Die Ausstattung ist deutlich besser geworden."
"Durchhaltevermögen der Gemeinschaft"
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Konzept der Ganztagsschule, in der die Kinder auch am Nachmittag individuell gefördert werden. Träger des Nachmittagsangebotes ist der Verein Rom e.V., der ein vielfältiges Angebot an Fördermaßnahmen, kultureller Bildung, Sport- und Bewegungsangeboten sowie Angeboten der Freizeitpädagogik bereit hält. Dank einer Vollzeitstelle ist es Illona Oberfell möglich, dieses Angebot auf die Bedarfe der Kinder abzustimmen, was in den vergangenen drei Jahren dazu beigetragen, dass sich das Schulklima wesentlich verbessert hat: "Die Kinder sind ruhiger geworden."
"Am Anfang ein zähes Ringen mit den Eltern"
Demgegenüber finanziert die Stadt Köln die Kindertagesstätte, in der 20 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren untergebracht sind. Sie ist nicht nur personell gut ausgestattet, sondern es gibt auch eine sehr gute Infrastruktur mit einem differenzierten Raumangebot, das den Kindern ermöglicht zu spielen, individuell sowie sprachlich gefördert zu werden oder nachmittags zu schlafen.
"Am Anfang gab es ein zähes Ringen, bis die Eltern ihre jüngsten Kinder bei uns abgegeben haben", gibt die Leiterin der Kita zu. Doch sie hätten sich von den Vorteilen einer pädagogischen Betreuung überzeugen lassen, schließlich werden die Eltern auch entlastet, während die Kinder ganzheitliche Förderangebote erhalten und dem tristen Heimalltag entkommen. So ist es ein zentraler Ansatz von "Amaro Kher", die Eltern frühzeitig von der Bedeutung der Bildung ihrer Kinder zu überzeugen.
Die besten Pädagogen an die schwierigsten Schulen
Während die Schule "Amaro Kher" sowie die Kita Maßstäbe setzen, sind die Bedingungen in den Flüchtlingsheimen laut Koschel weiterhin überaus verbesserungswürdig. Großfamilien teilen sich kleine Räume, die Wände sind schmutzig, sanitäre Anlagen indiskutabel, die Böden seit Jahren nicht renoviert. "Dennoch versuchen sich einige Familien möglichst schön einzurichten", meint die Erzieherin.
Angesichts der besonderen Herausforderung, die die Bildung und Betreuung der Kinder stellt, hat sich das gesamte pädagogische Personal über diverse Fortbildungen - etwa zum Anti-Gewalttraining und zur Teamentwicklung, die die Gestaltung der Übergänge im Auge behält - auf die Arbeit mit den Flüchtlingskindern bestmöglich eingestellt.
Momentaufnahmen aus einem normalen Schultag von Christoph Schulenkorff verdeutlichen die ungewöhnliche Leistung der Pädagogen. An einem verregneten Dienstagvormittag betreut der Förderlehrer eine Gruppe von acht Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren. Die Kinder der jüngeren, altersgemischten Gruppe sind schwer zu bändigen, reagieren impulsiv, können sich nicht lange auf den Bänken halten. Es herrscht ein produktives Chaos, das Schulenkorff aber keineswegs aus der Fassung bringt: "Mir liegt es, das Chaos zu sortieren."
Viele Kinder, so der Lehrer, hätten Getto- und Kriegserfahrungen im ehemaligen Jugoslawien erlebt und in den Familien gibt es Drogenkonsum, Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch. Die Kinder seien meist die Ersten, die in ihrer Familie überhaupt eine Schule besuchen. "Unsere Kinder haben jetzt schon einen Wissensvorsprung vor ihren Eltern", weiß der Pädagoge.
Die Mädchen und Jungen sind allerdings in ihrem jungen Alter vom harten Leben am Rand der Gesellschaft gezeichnet. Einige haben deutliche Ränder unter den Augen, bei anderen fallen Ritzen und Schrammen in der Haut auf. Dennoch berichten alle Pädagogen, dass die Kinder erstaunlich selbstbewusst, mutig und insbesondere markante Charaktere seien wie man sie an vielen Schulen vergeblich sucht. Diese Kinder sollen die Pädagogen auf den Besuch der Regelschule vorbereiten: "Unsere Vorschule ist in ein Gesamtkonzept der Stadt eingebettet", erläutert Schulenkorff.
"Mein Lehrer ist der beste Lehrer der Welt"
Lesen lernen, Schreiben, Rechnen stehen im Mittelpunkt. Ziel sei es, die Kinder auf einen gleichen Stand zu bringen, was mit individuellen Arbeitshilfen, dem Aufbau von Sprache, der Wahrnehmung von Gruppenprozessen angestrebt wird. Stets ist der Lehrer mit unerwarteten Situationen konfrontiert und immer wieder geht er persönlich auf jedes Kind ein.
"Als Munoz hier war, befanden wir uns noch in der Experimentierphase", so Schulenkorff. Allerdings trage die intensive Schulentwicklungsarbeit bereits ihre Früchte: "Ihr schickt uns gute Kinder!" Solche Rückmeldungen aus den Regelschulen machen dem Pädagogen reichlich Mut und sie belohnen ihn für das außerordentliche Engagement. Spätestens das Lob eines Kindes entschädigt für alle Mühen: "Mein Lehrer ist der beste Lehrer der Welt!"
Mit kleinen Schritten in ein neues Leben
Keinen Zweifel an ihrem Engagement für die richtige Sache hat die pensionierte Gymnasiallehrerin Ludgera Best. Sie assistiert ihrer ehemaligen Schülerin, Sybille Haak, die nun als Förderlehrerin die ältere Lerngruppe der 11- bis 13jährigen leitet. Die Sonderschullehrerin wurde über einen Zeitungsbericht auf "Amaro Kher" aufmerksam. Ludgera Best ist voll des Lobes: "Sybille muss in kleinsten Schritten vorgehen. Ihre Pädagogik ist sehr bejahend und von großer Geduld geprägt. Es gibt viele Belohnungen, auf die die Kinder sehr positiv reagieren." Anders als im Gymnasium wo der Frontalunterricht dominiere, komme es hier auf jedes einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen an.
Bildung für den Alltag
Da jede Schülerin und jeder Schüler täglich für rund 20 Minuten Lesetraining bekommt, verlassen sie mit Ludgera Best die Klasse, um in einem Nebenraum zu üben. Auf einen 13jährigen Schüler ist Haak besonders stolz: Noch im April 2008 konnte er kein Wort Deutsch, doch seit er die Schule am Venloer Wall besucht, kann er bereits selbstständige Gespräche führen.
Doch mit Bildung kann man sogar noch mehr bewegen, wie das Beispiel von Sakiza verdeutlicht. Obwohl sie aus einer extrem schwierigen Familie stammt, besucht sie heute die Grundschule und liegt dort im guten Mittelfeld, obwohl sie lediglich zu 70 Prozent daran teilnehme. Ihr Schulerfolg habe positive Auswirkungen auf die gesamte Familie, die sich an eine gewisse Regelmäßigkeit gewöhnt habe.
Zum Gelingen der Integration gehört für die Tyrakowski aber auch ein Bewusstseinswandel der Bevölkerung. Mit der Ausstellung "Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma - Roma in der Kunst", die vom 5. Dezember 2008 bis zum 1. März 2009 zu sehen ist, möchte "Amaro Kher zu einem anderen Bild der Roma beitragen.
"Das Bild der Roma hat sich seit dem 14. Jahrhundert bis zum heutigen Tage kaum geändert", erläutert Kurt Holl, der den Verein Rom e.V. vor 22 Jahren mitgründete. "Die Ausstellung verdankt ihre Entstehung der jahrzehntelangen Auseinandersetzung um das Bleiberecht der Roma, die in Köln seit 1986 vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg Zuflucht suchten. Damit die Romaflüchtlinge nicht die ,Vergessenen Kölner' bleiben, will der Rom e.V. auch auf die kreativen Möglichkeiten der Minderheit aufmerksam machen. Bleiberecht, Wohnung und Bildungschancen bei uns sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration", erläutert Holl.
Der Verein beherbergt in seinem Archiv das europaweit größte Archiv von Dokumenten zur Geschichte der Roma. Diesen Reichtum bekommt nun die Öffentlichkeit in Gestalt von Kunst und eigenem Archivmaterial zu Gesicht. Das Spektrum der Ausstellung reicht von Picasso, August Sander bis zu Malereien der Kinder von "Amaro Kher".
Nachdem die Roma über einen Zeitraum von 600 Jahren in der abendländischen Geschichte oft dämonisiert oder exotistisch verklärt wurden, ist es an der Zeit, sie als Menschen wahrzunehmen, denen wie allen anderen das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, Glück und einem sinnvollen Leben eigen ist.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 20.01.2009
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