20. JANUAR 2009

"Die Schule ,Amaro Kher' ist ein leuchtendes Beispiel"

Amaro Kher" ("Unser Haus") ist nicht nur ein Symbol der Hoffnung, das Roma-Integrationsprojekt ist auch Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Engagements. Es verdeutlicht, wie Kinder und deren Eltern, die am äußersten Rand der Gesellschaft leben, durch ganztägige Bildung eine Perspektive für ein selbstständigeres Leben erlangen.

Kaum drei Jahre ist es her, dass der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Vernor Muñoz Villalobos das Integrationszentrum und Schulprojekt für Romakinder "Amaro Kher" in Köln besuchte. Er kam während seines Besuches zu folgendem Ergebnis: "Das Projekt ist vorbildlich für den Versuch, wenigstens einigen Kindern aus der extrem unterprivilegierten Gruppe der Roma eine Chance auf Bildung zu eröffnen."

Die Entstehungsgeschichte des Projektes ist ein Lehrstück für das außergewöhnliche Engagement und Verantwortungsgefühl einiger lokaler Gruppen und Persönlichkeiten. Dazu die Historikerin und Leiterin des Schulprojektes, Marlene Tyrakowski: "Die Roma wurden im Nationalsozialismus verfolgt und haben keine Entschädigung erhalten. Für mich und für viele andere spielt deshalb der ethische Gedanke der Wiedergutmachung eine große Rolle."

Ethik der Wiedergutmachung

Deswegen habe sie sich dafür entschieden, dass die Stelle als Leiterin der Schule ihre letzte berufliche Station werden solle. "Egal, welche Fehler die Roma noch heute begehen, ich fühle mich ihnen verpflichtet." Im Jahr 2001 machte sich der Rom e.V. zunächst aus eigenen Kräften auf dem Weg, indem er nach dem Vorbild des Frankfurter Projektes "Schaworalle" ein Kulturzentrum ins Leben rief, das den Familien Halt in einer unwirtlichen Umgebung geben sollte.


 
Der "Colonius", ein Wahrzeichen der Stadt Köln ragt über dem Geschehen. Marlene Tyrakowski, Historikerin und Leiterin des Schulprojektes "Amaro Kher".

Noch im Jahr 2002 wurden viele Romafamilien am Rande der Stadt in einem Containerschiff am Rhein untergebracht. Im Jahr 2004 setzte "Amaro Kher" mit der Gründung des Schulprojektes ein deutliches Zeichen für die Integration. Gemeinsam mit der Stadt Köln und dem nordrhein-westfälischen Integrationsministerium verschrieb man sich der Aufgabe, die Romakinder von der Straße zu holen, um sie an die Regelschulen heranzuführen.

Die Kinder und ihre meist sehr jungen Eltern haben als Kriegsflüchtlinge und Vertriebene schwerste Entbehrungen sowie scharfe gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren. Viele sind schwer traumatisiert und haben auch in Deutschland meist nicht die erhoffte Sicherheit und Perspektiven angetroffen. Die kritische Situation der Romakinder spiegelt sich auch in dem Bericht des Sonderberichterstatters Muñoz von 2006: Dem außergewöhnlich mutigen und integrativen Projekt maß der VN-Beauftragte für das Recht auf Bildung daher eine große Bedeutung zu.

Drei Jahre später.  

Damals wie heute ragte der "Colonius", der ein Wahrzeichen der Stadt Köln ist, über dem Geschehen, während seine Turmspitze in über 200 Metern Höhe in einen dunstigen Nebel eingehüllt ist. Eine winterlich-kalte Atmosphäre hat sich über den Vorplatz des Schulgeländes gelegt, das durch den tauenden Schnee ebenso matschig ist wie vor drei Jahren.


 
Eine winterlich-kalte Atmosphäre hat sich über den Vorplatz des Schulgeländes gelegt. Rechts im Bild: der siebenjährige Leon mit orangenen Pullover. Als die Kinder die Digitalkamera bekommen, machen sie Bilder von der Klasse ihres beliebten Lehrers Christoph Schulenkorff. 

Wo seinerzeit allerdings ein umgekipptes, verlassenes Dreirad und ein Bobbycar lagen, stehen nun zwei Kleinbusse des Schulprojektes "Amaro Kher". Sie haben die Kinder am frühen Morgen aus den Flüchtlingsheimen abgeholt und sie pünktlich zur Schule am Venloer Wall 17 gebracht. Dort werden die Kinder in zwei jahrgangsgemischten, außergewöhnlich heterogenen Gruppen unterrichtet.

Die Gebäude der Schule haben zwar nach wie vor etwas Provisorisches an sich, doch die Ausstattung von Schule und Kindertagesstätte haben sich grundlegend zum Besseren gewandelt. So sieht es auch die Leiterin der Einrichtung, Marlene Tyrakowski: "Die Ausstattung ist deutlich besser geworden."

"Durchhaltevermögen der Gemeinschaft"

Eine wichtige Rolle spielt dabei das Konzept der Ganztagsschule, in der die Kinder auch am Nachmittag individuell gefördert werden. Träger des Nachmittagsangebotes ist der Verein Rom e.V., der ein vielfältiges Angebot an Fördermaßnahmen, kultureller Bildung, Sport- und Bewegungsangeboten sowie Angeboten der Freizeitpädagogik bereit hält. Dank einer Vollzeitstelle ist es Illona Oberfell möglich, dieses Angebot auf die Bedarfe der Kinder abzustimmen, was in den vergangenen drei Jahren dazu beigetragen, dass sich das Schulklima wesentlich verbessert hat: "Die Kinder sind ruhiger geworden." 


  
Der Lehrer Christoph Schulenkorff, der sich schon vorher in der Arbeit mit Flüchtlingen engagierte. Er bereitet die Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren auf den Besuch der Grundschule vor. Heute wird er durch zwei ehrenamttliche Kräfte unterstützt, die neben dem Unterricht Haferflocken zu "Schneebällen" zubereiten. So lernen die Kinder Deutsch anhand von individuellen Lernmaterialien sowie durch praktischen Anschauungsunterricht.  

Die gemeinsamen Integrationsbemühungen des Vereins Rom e.V und der staatlichen Behörden würdigte der VN-Gesandte Muñoz vor drei Jahren in seinem Bericht: "Die Schule "Amaro Kher" ist ein leuchtendes Beispiel für die Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen dieser Gemeinschaft und auch für das offenkundige Engagement der Regierung, das so weit verbessert werden muss, dass diese Schule und andere Einrichtungen zu Bildungszentren auf gleichem Niveau wie die übrigen Regeleinrichtungen arbeiten." Die Lorbeeren waren gewiss ein zusätzlicher Ansporn, um das Schulprojekt, das zunächst eine Laufzeit von fünf Jahren hatte, zu verstetigen. Das Land Nordrhein-Westfalen stellt zwei volle Lehrerstellen bereit, die sich drei Pädagogen teilen.

"Am Anfang ein zähes Ringen mit den Eltern"

Demgegenüber finanziert die Stadt Köln die Kindertagesstätte, in der 20 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren untergebracht sind. Sie ist nicht nur personell gut ausgestattet, sondern es gibt auch eine sehr gute Infrastruktur mit einem differenzierten Raumangebot, das den Kindern ermöglicht zu spielen, individuell sowie sprachlich gefördert zu werden oder nachmittags zu schlafen.


 
"Die Kinder kommen hierher, weil sie Spaß haben und lernen möchten. Zuhause langweilen sie sich nur", meint Schulenkorff.

Da die Kinder, die alle in Flüchtlingsheimen leben, aufgrund hohen Medienkonsums und schwieriger Familien- und Lebensverhältnisse laut Shirley Koschel einen "Hang zur Aggressivität haben", gibt es außerhalb der Einrichtung zusätzliche Angebote wie etwa in Psychomotorik. Schwierigkeiten bereitete es allerdings, die Eltern davon zu überzeugen, dass die Unterbringung ihrer Kinder in der Kita diesen zugute kommt.

"Am Anfang gab es ein zähes Ringen, bis die Eltern ihre jüngsten Kinder bei uns abgegeben haben", gibt die Leiterin der Kita zu. Doch sie hätten sich von den Vorteilen einer pädagogischen Betreuung überzeugen lassen, schließlich werden die Eltern auch entlastet, während die Kinder ganzheitliche Förderangebote erhalten und dem tristen Heimalltag entkommen. So ist es ein zentraler Ansatz von "Amaro Kher", die Eltern frühzeitig von der Bedeutung der Bildung ihrer Kinder zu überzeugen.

Die besten Pädagogen an die schwierigsten Schulen

Während die Schule "Amaro Kher" sowie die Kita Maßstäbe setzen, sind die Bedingungen in den Flüchtlingsheimen laut Koschel weiterhin überaus verbesserungswürdig. Großfamilien teilen sich kleine Räume, die Wände sind schmutzig, sanitäre Anlagen indiskutabel, die Böden seit Jahren nicht renoviert. "Dennoch versuchen sich einige Familien möglichst schön einzurichten", meint die Erzieherin. 

Angesichts der besonderen Herausforderung, die die Bildung und Betreuung der Kinder stellt, hat sich das gesamte pädagogische Personal über diverse Fortbildungen - etwa zum Anti-Gewalttraining und zur Teamentwicklung, die die Gestaltung der Übergänge im Auge behält - auf die Arbeit mit den Flüchtlingskindern bestmöglich eingestellt.


   
Ludgera Best, pensionierte Gymnasiallehrerin. Sie assistiert ihrer ehemaligen Schülerin, Sybille Haak, die nun als Förderlehrerin die ältere Lerngruppe der 11- bis 13jährigen leitet. Die Lehrerin nimmt sich viel Zeit für jedes Kind.

"Die Kinder haben einen Wissensvorsprung gegenüber den Eltern"

Momentaufnahmen aus einem normalen Schultag von Christoph Schulenkorff verdeutlichen die ungewöhnliche Leistung der Pädagogen. An einem verregneten Dienstagvormittag betreut der Förderlehrer eine Gruppe von acht Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren. Die Kinder der jüngeren, altersgemischten Gruppe sind schwer zu bändigen, reagieren impulsiv, können sich nicht lange auf den Bänken halten. Es herrscht ein produktives Chaos, das Schulenkorff aber keineswegs aus der Fassung bringt: "Mir liegt es, das Chaos zu sortieren."

Viele Kinder, so der Lehrer, hätten Getto- und Kriegserfahrungen im ehemaligen Jugoslawien erlebt und in den Familien gibt es Drogenkonsum, Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch. Die Kinder seien meist die Ersten, die in ihrer Familie überhaupt eine Schule besuchen. "Unsere Kinder haben jetzt schon einen Wissensvorsprung vor ihren Eltern", weiß der Pädagoge.

Die Mädchen und Jungen sind allerdings in ihrem jungen Alter vom harten Leben am Rand der Gesellschaft gezeichnet. Einige haben deutliche Ränder unter den Augen, bei anderen fallen Ritzen und Schrammen in der Haut auf. Dennoch berichten alle Pädagogen, dass die Kinder erstaunlich selbstbewusst, mutig und insbesondere markante Charaktere seien wie man sie an vielen Schulen vergeblich sucht. Diese Kinder sollen die Pädagogen auf den Besuch der Regelschule vorbereiten: "Unsere Vorschule ist in ein Gesamtkonzept der Stadt eingebettet", erläutert Schulenkorff.


 
Christian Badefeld unterstützt die Lehrer an der Schnittstelle von Kita und Schule bei ihrer Arbeit. Rechts im Bild: die Köchin und ihr Assistent: "Die Kinder bekommen gesundes und frisches Essen." Heute bekommen sie einen leckeren, frisch zubereiteten polnischen Eintopf.  

"Mein Lehrer ist der beste Lehrer der Welt"

Lesen lernen, Schreiben, Rechnen stehen im Mittelpunkt. Ziel sei es, die Kinder auf einen gleichen Stand zu bringen, was mit individuellen Arbeitshilfen, dem Aufbau von Sprache, der Wahrnehmung von Gruppenprozessen angestrebt wird. Stets ist der Lehrer mit unerwarteten Situationen konfrontiert und immer wieder geht er persönlich auf jedes Kind ein.

"Als Munoz hier war, befanden wir uns noch in der Experimentierphase", so Schulenkorff. Allerdings trage die intensive Schulentwicklungsarbeit bereits ihre Früchte: "Ihr schickt uns gute Kinder!" Solche Rückmeldungen aus den Regelschulen machen dem Pädagogen reichlich Mut und sie belohnen ihn für das außerordentliche Engagement. Spätestens das Lob eines Kindes entschädigt für alle Mühen: "Mein Lehrer ist der beste Lehrer der Welt!"

Mit kleinen Schritten in ein neues Leben

Keinen Zweifel an ihrem Engagement für die richtige Sache hat die pensionierte Gymnasiallehrerin Ludgera Best. Sie assistiert ihrer ehemaligen Schülerin, Sybille Haak, die nun als Förderlehrerin die ältere Lerngruppe der 11- bis 13jährigen leitet. Die Sonderschullehrerin wurde über einen Zeitungsbericht auf "Amaro Kher" aufmerksam. Ludgera Best ist voll des Lobes: "Sybille muss in kleinsten Schritten vorgehen. Ihre Pädagogik ist sehr bejahend und von großer Geduld geprägt. Es gibt viele Belohnungen, auf die die Kinder sehr positiv reagieren." Anders als im Gymnasium wo der Frontalunterricht dominiere, komme es hier auf jedes einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen an.


 
Delija (mit Baseballkappe) konnte kein Wort Deutsch, doch seit er die Schule am Venloer Wall besucht, kann er bereits selbstständige Gespräche führen. Zweites Bild: "Die Malerei ist für die Kinder eine Sprache, mit der sie Ideen, Wünsche, Gefühle, visuelle Eindrücke, große Emotionen oder spontane Regungen deutlich machen können. Immer wieder beeindruckt uns die Impulsivität der Kinder und deren Bedürfnis nach Anerkennung." Die Bilder sind aus einem Kooperationsprojekt von "Amaro Kher" mit der Jugendkunstschule Köln e.V. hervorgegangen.

In der Klasse der Förderlehrerin fällt das ruhige, friedliche Klima auf, während die Kinder sich mit dem Märchen von Hänsel und Gretel beschäftigen: "Das Schwierigste ist das mündliche Sprechen und dass sich die Kinder an Regeln halten", erläutert Haak. Zwei Schwestern, die vor kurzem vom Schulamt zu "Amaro Kher" geschickt wurden, können sich bereits gut mündlich in Deutsch verständigen, während sie das Schreiben erst lernen müssen. In derselben Klasse sitzen deutlich jüngere Mitschüler, die bereits gelernt haben, frei zu schreiben und gute Aussichten haben, erfolgreich die Grundschule zu besuchen.

Bildung für den Alltag

Da jede Schülerin und jeder Schüler täglich für rund 20 Minuten Lesetraining bekommt, verlassen sie mit Ludgera Best die Klasse, um in einem Nebenraum zu üben. Auf einen 13jährigen Schüler ist Haak besonders stolz: Noch im April 2008 konnte er kein Wort Deutsch, doch seit er die Schule am Venloer Wall besucht, kann er bereits selbstständige Gespräche führen.

Doch mit Bildung kann man sogar noch mehr bewegen, wie das Beispiel von Sakiza verdeutlicht. Obwohl sie aus einer extrem schwierigen Familie stammt, besucht sie heute die Grundschule und liegt dort im guten Mittelfeld, obwohl sie lediglich zu 70 Prozent daran teilnehme. Ihr Schulerfolg habe positive Auswirkungen auf die gesamte Familie, die sich an eine gewisse Regelmäßigkeit gewöhnt habe.


 
"Nur durch ein hohes Maß an Improvisation gelingt es den Kindern im Atelier, ihre Vorstellungen im Bild umzusetzen, ohne Rücksicht auf künstlerisches Können oder ein sicheres Umgehen mit Form, Farbe und Pinsel. (...) Die Ausstellung ist somit eine Gelegenheit, die innere Welt und die Ausdrucksmöglichkeiten der Kinder kennen zu lernen". Rechts im Bild: ein melancholisch blickendes Mädchen aus der Klasse von Schulenkorff.

Das Bild der Roma - Roma in Bildern

Zum Gelingen der Integration gehört für die Tyrakowski aber auch ein Bewusstseinswandel der Bevölkerung. Mit der Ausstellung "Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma - Roma in der Kunst", die vom 5. Dezember 2008 bis zum 1. März 2009 zu sehen ist, möchte "Amaro Kher zu einem anderen Bild der Roma beitragen.

"Das Bild der Roma hat sich seit dem 14. Jahrhundert bis zum heutigen Tage kaum geändert", erläutert Kurt Holl, der den Verein Rom e.V. vor 22 Jahren mitgründete. "Die Ausstellung verdankt ihre Entstehung der jahrzehntelangen Auseinandersetzung um das Bleiberecht der Roma, die in Köln seit 1986 vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg Zuflucht suchten. Damit die Romaflüchtlinge nicht die ,Vergessenen Kölner' bleiben, will der Rom e.V. auch auf die kreativen Möglichkeiten der Minderheit aufmerksam machen. Bleiberecht, Wohnung und Bildungschancen bei uns sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration", erläutert Holl.

Der Verein beherbergt in seinem Archiv das europaweit größte Archiv von Dokumenten zur Geschichte der Roma. Diesen Reichtum bekommt nun die Öffentlichkeit in Gestalt von Kunst und eigenem Archivmaterial zu Gesicht. Das Spektrum der Ausstellung reicht von Picasso, August Sander bis zu Malereien der Kinder von "Amaro Kher".

Nachdem die Roma über einen Zeitraum von 600 Jahren in der abendländischen Geschichte oft dämonisiert oder exotistisch verklärt wurden, ist es an der Zeit, sie als Menschen wahrzunehmen, denen wie allen anderen das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, Glück und einem sinnvollen Leben eigen ist.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 20.01.2009
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