9. JANUAR 2009

Interkulturelle Pädagogik in den Ganztagsschulen

Mit dem ersten bundesweiten Netzwerktreffen hat das Themenatelier "Ganztagsschule der Vielfalt" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Ende 2008 in Berlin seinen künftigen Kurs bestimmt: die Verbesserung der Elternpartizipation. An Bord des zweijährigen Projektes, das auch vom BMBF sowie dem Europäischen Sozialfonds gefördert wird, befinden sich drei Regionalverbünde aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Sie stärken die Ganztagsschulen aller Schulformen darin, ein interkulturelles Profil zu entwickeln. Zahlreiche gute Beispiele in den Ländern sowie die gemeinsame Konzeptentwicklung machen Mut auf mehr.

Die bunte Vielfalt, die an den Ganztagsschulen von Jahr zu Jahr immer offenkundiger wird, ist eine jener Erscheinungen, die man nicht mehr missen möchte. Allerdings hat sie je nach Land oder Stadt ein unterschiedliches Gesicht. Die Herausforderungen, die sich den Ganztagsschulen in einem Stadtstaat stellen, sind andere als die in einem Flächenland.

Wie kann Vielfalt vor diesem Hintergrund gestaltet und reflektiert werden? Wie gelingt eine bundesweite Vernetzung guter Beispiele und relevanter Akteure? Das Themenatelier "Ganztagsschulen der Vielfalt", das die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund verbessern möchte, hat sich seit dem Jahr 2008 im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." auf den Weg gemacht, um Antworten auf diese Fragen zu geben.

Von der Vielfalt dreier Regionalverbünde

In drei regionalen Verbünden, denen die Länder Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein sowie 13 Ganztagsschulen und sieben Migrantenorganisationen angehören, werden neue und erfolgversprechende Wege integrativer Ganztagsschulen ausprobiert. Damit die Verbünde aber das Rad nicht ganz neu erfinden müssen, bekommen sie professionelle Moderatoren sowie personelle Unterstützung durch die regionalen Serviceagenturen an die Seite gestellt.



Marta Freire aus Brasilien und Kollegin. Rechts im Bild: Anna Lena und Helena vom Pamira-Schulzentrum engagieren sich als Schülervertreterinnen für die schulische Vielfalt.

Die entsprechenden regionalen Verbünde erhalten für den Zeitraum von 2008 bis 2009 jeweils eine Fördersumme von 20.000 bis 25.000 Euro, die sie an den Einzelschulen oder in den Migrantenorganisationen für bestimmte Entwicklungsaufgaben in Gestalt von Fortbildungen, Elterntreffen oder Materialien verwenden können. Die Akteure in den Migrantenorganisationen werden spiegelbildlich dazu auf die Arbeit mit den Ganztagsschulen vorbereitet bzw. als Experten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationsshintergrund eingebunden.

Ein bundesweites Netz für die Vielfalt

Stilbildend für die Arbeit des Themenateliers ist die Vernetzung auf überregionaler Ebene. Vor diesem Hintergrund fand Ende November 2008 das erste bundesweite Netzwerktreffen in der Jugendkunstschule in Berlin-Reinickendorf statt. Diese befindet sich passenderweise in einem sozialen Brennpunkt, der durch eine Häufung von vielfältigen Problemlagen wie Benachteiligung qua sozialer Lage oder kultureller Herkunft ins Auge fällt. Form und Inhalt des Themenateliers fanden an einem solchen Ort ihren überzeugenden Ausdruck.

Ferner zeichnete sich das Netzwerktreffen nicht nur durch seine angenehme Atmosphäre unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus, sondern auch durch die bunte Mischung. Lehrkräfte aus den alten und neuen Ländern waren ebenso vertreten wie namhafte Forscher, professionelle Moderatoren und Eltern mit Migrationshintergrund.

Von der Theorie.

Der Projektleiter des Themenateliers, Peter Bleckmann, Gesamtmoderatorin Dr. Maria Rosa Zapata de Polensky sowie die Projektmitarbeiterin Maria Freire hatten die Veranstaltung hervorragend organisiert und für einen rhythmischen Wechsel aus ernsten und heiteren Themen gesorgt. Das erste bundesweite Netzwerktreffens wurde seinem Anspruch gerecht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten sich aus und lernten sich gegenseitig kennen. Auf dem Treffen erwarteten sie Berichte aus den drei beteiligten Verbünden, Vorträge von Wissenschaftlern und ein Erfahrungsaustausch in themenspezifischen Workshops.


 
Die Jugendkunstschule in Berlin-Reinickendorf befindet sich passenderweise in einem sozialen Brennpunkt. Form und Inhalt des Themenateliers fanden an einem solchen Ort ihren überzeugenden Ausdruck.

Das Atrium, sprich die Theaterbühne der Jugendkunstschule, gehörte aber zunächst den Theoretikern. So berichtete Christoph Leucht, Soziologe und stellvertretender Geschäftsführer der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen (RAA) Berlin, über die Ergebnisse, die eine Befragung ergeben hatte. Diese fand von Juni 2007 bis April 2008 an Ganztagsschulen, in Serviceagenturen sowie Migrantenorganisationen statt.

Darin wurde anhand von Leitfadeninterviews nach den Themen System- und Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität gefragt. Die Interviewer, die 15 Ganztagsschulen - überwiegend Grundschulen - aus Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sowie aus 20 Migrantenorganisationen und elf Serviceagenturen befragten, besaßen selbst einen Migrationshintergrund.

.zur Praxis

Im Ergebnis kam die Befragung zwar zu dem Befund, dass es viele gute Einzelbeispiele gibt, zugleich stellte sie nennenswerten Entwicklungsbedarf bei der diagnosegestützten Sprachförderung fest. Für das Themenatelier identifizierte sie fünf zentrale Bedarfsthemen der interkulturellen Bildung.

So bedürfen die Ganztagsschulen einer größeren kulturellen Vielfalt im Schulalltag und im Unterricht. Ferner müssten die schulischen Übergänge stärker gefördert und die Ganztagsschulen durch die Kooperation mit Migrantenorganisationen geöffnet werden. Schließlich gelte es die Partizipation von Eltern mit Migrationshintergrund zu forcieren.

Es wurde auch deutlich, dass an vielen befragten Schulen der Flüchtlingsstatus der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ungeklärt ist. "Sehr wichtig ist die Förderung der Erstsprache", stellte Christoph Leucht fest. Viele Schulen sehen die Vielfalt und Heterogenität durchaus positiv und setzen in ihrer Arbeit mehrsprachige Elternbriefe ein. Bewährt haben sich auch die Verbesserung der schulischen Übergänge in Bildungsverbünden. 


 
Der Erziehungswissenschaftler Prof. Georg Auernheimer verdeutlichte am Beispiel der Katholischen Grundschule Am Domhof in Bonn-Mehlem, wie der Offenen Ganztagsschule angesichts schwieriger Ausgangsbedingungen der qualitative Sprung gelungen ist.

Vielfalt unter schwierigen Ausgangsbedingungen

Solche Befragungen geben den Schulen einen Schub und bringen sie in der Gestaltung ihrer kulturellen Vielfalt voran: "Sie merken, dass sie etwas machen müssen", kommentierte der emeritierte Erziehungswissenschaftler Prof. Georg Auernheimer. Der bekannte Fachmann für interkulturelle Pädagogik verdeutlichte am Beispiel der Katholischen Grundschule Am Domhof in Bonn-Mehlem, wie der Offenen Ganztagsschule angesichts schwieriger Ausgangsbedingungen der qualitative Sprung gelungen ist.

Wie kann die Gestaltung von kultureller Vielfalt am besten gelingen? Die Grundschule, die seit dem Schuljahr 2007/ 08 Offene Ganztagsschule geworden ist, liegt in einem dörflich geprägten Vorort der heutigen Bundesstadt und hat 350 Schülerinnen und Schüler und einen Migrantenanteil von 46 Prozent, mehrheitlich aus arabischen und muslimischen Ländern.

"Die Entwicklung spitzte sich zu"

Noch bis zum Sommer 2003 gab es in Bonn-Mehlem zwei Grundschulen auf einem Schulgelände, die jeweils sehr homogene Klassen besaßen: eine katholische, die von Kindern aus bildungsnahen Familien besucht wurden, und eine Gemeinschaftsgrundschule, die überwiegend von Eltern mit Migrationshintergrund präferiert wurde.

Die Entwicklung spitzte sich zu als es im Schuljahr 2002/ 03 in der GGS Mehlem nur noch eine erste Klasse gab. Nach einer heftigen Diskussion leitete die Bundesstadt die Zusammenlegung beider Schulen ein, die gleiche Lernbedingungen und Bildungschancen für alle Kinder des Viertels sicherstellen sollte. Das stieß auch bei den Eltern beider Schulen mehrheitlich auf Zuspruch.

Bildungs- und Erziehungsarbeit für gemeinsames Lernen

Nach der Schulzusammenlegung und der Einbeziehung der Universität Köln wurde die Grundschule Schritt für Schritt in einen Ort sozialer Inklusion verwandelt. Die interkulturelle Vielfalt wurde durch ein entsprechendes Leitbild kodifiziert.

Das interkulturelle Profil der Ganztagsschule, das einem integrativen Unterricht verpflichtet ist, kommt in folgender Richtlinie zum Ausdruck: "Aufgabe der Schule ist es, diese Vielfalt als Chance zu begreifen und sie durch eine umfassende und differenzierte Bildungs- und Erziehungsarbeit für das gemeinsame Lernen der Kinder zu nutzen." Da alle Klassen seit der Schulzusammenlegung überaus heterogen zusammengesetzt sind, ist das Erfolgsgeheimnis der interkulturellen Ganztagsschule die Öffnung des Unterrichts in organisatorischer, methodischer, inhaltlicher und sozialer Hinsicht.

Erziehung zu kultureller und religiöser Toleranz

Die integrative Unterrichtsorganisation beruht nicht nur auf heterogenen, sondern jahrgangsgemischten Lerngruppen, die auf kooperatives, arbeitsteiliges Lernen ausgerichtet sind. Im Fokus steht jedoch immer die Erziehung zu kultureller und religiöser Toleranz.

Weitere Gelingensbedingungen sind die Gestaltung der Übergänge zwischen Kita und Grundschule, zweisprachige Alphabetisierung, Home-School-Kooperationen, lokale Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit.

Fazit der Umwandlung: "Die Atmosphäre in der Schule ist positiv. Kinder, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer arbeiten kooperativ und freundschaftlich miteinander. Der Unterrichtsausfall ist minimal, da alle Lehrerinnen und Lehrer stetig bereit sind, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen."


 
Der Projektleiter des Themenateliers, Peter Bleckmann. Rechts im Bild: Schulleiter Gerald Tuschner vom Ostseegymnasium Rostock-Evershagen.

Die gemeinsame Aufgabe von drei Regionalverbünden: Elternpartizipation

Über die Präsentation eines guten Praxisbeispiels hinaus erwies es sich als fruchtbar, dass der Erziehungswissenschaftler im Folgenden die Projektideen der Verbünde kommentierte. So hielt Auernheimer fest, dass sie alle auf unterschiedlichen Wegen zu dem gleichen Ansatz gelangt seien: die Verbesserung der Elternpartizipation. "Das ist eine Bestätigung dafür, dass alle Schulen das Thema wichtig finden", meinte der Schulleiter des Ostseegymnasiums in Rostock.

Während der Regionalverbund Schleswig-Holstein die Ausbildung von Elternlotsen in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellt, möchte der Regionalverbund Mecklenburg-Vorpommern das Ziel Elternpartizipation über den "Cup der Vielfalt", also einem Sportfest erreichen, in dem beispielsweise Lehrer- und Elternteams gegeneinander antreten. Dagegen stellt der Regionalverband Berlin die Mediatorenausbildung ins Zentrum seiner Bemühungen.

Nachdem die Mediatoren in die interkulturelle Pädagogik eingewiesen worden sind, sollen sie über einen Zeitraum von drei Jahren an jeweils drei Tage pro Woche in der Schule als Brückenbauer zum Einsatz kommen. Entscheidend für das Gelingen dieses Ansatzes, so Auernheimer, sei aber nicht die Qualifikation, sondern die Bereitschaft des Kollegiums, die Mediatoren einzubinden: "Es besteht nämlich die Gefahr, dass die Elternlotsen nicht wirklich auf dem Schiff sind." Die Lösung des Problems ist die bessere Vermittlung zwischen der Institution Schule und den Mediatoren, meinte ein Teilnehmer zum Abschluss der Veranstaltung.

Warum platzen die Träume vom sozialen Aufstieg?

Aus dem Publikum meldete sich ein Elternteil mit einer interessanten Bemerkung: "Auch die türkischen Kinder wollen Ärzte oder Juristen werden. Und natürlich wünschen ihre Eltern, dass sie einen guten Bildungsabschluss erwerben." Warum platzen solche Träume regelmäßig?

Es liegt Auernheimer zufolge an vielen Gründen: Hilfreich sei sicherlich die Abgleichung zwischen den Erwartungen des Elternhauses und der Schule: "Home-School Agreements wären ein erster Schritt, denn die Eltern müssen merken, dass man sie unterstützt", so der Wissenschaftler. Eine Schlüsselrolle spiele auch die Sprachförderung, da viele Schülerinnen und Schüler über die Sprachbarriere in der Schule stolpern. 


 
Zwischen der Kunst des Märchenerzählens und des Kochens.

Universelle Bildung durch Märchen

Märchen handeln nicht nur von wundersamen Begebenheiten, mit ihnen kann man auch wahre Wunder erreichen, wie Prof. Kristin Wardetzky von der Universität der Künste in Berlin ausführte. In dem zweijährigen Modellversuch "Erzählen und Spielen", das an der Anna-Lindh-Grundschule durchgeführt wurde, wurde den Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen nicht nur die Kraft der universellen Sprache der Märchen durch Profi-Erzähler nahegebracht. Sie fingen bald sogar an, eigene Märchen zu erfinden.

Lohn der Mühen dieser Art der Sprachförderung waren deutlich verbesserte Sprachkompetenzen der Kinder. Die Grundschule beherbergt immerhin 27 Nationen unter ihrem Dach und einen Anteil von 98 Prozent mit Migrationshintergrund.

Der Kitt der emotionalen Bindung

Und was motiviert die Schülerinnen und Schüler noch? "Respekt und Vertrauen, also eine emotionale Bindung", meinte eine Teilnehmerin. Wenn das Engagement und die Bindung ab dem 12. Lebensjahr bröckeln, müsse man den Jugendlichen mehr Verantwortung zutrauen. "In Deutschland verlieren viele Kinder die Lernfreude aufgrund des unselbständigen Lernens. Sie müssen daher lernen, für ihren Bildungsprozess Verantwortung zu übernehmen."

Zum Abschluss der Veranstaltung sah man viele zufriedene Gesichter, was der Schulleiter Gerald Tuschner wie folgt erklärte: "Wir haben es genossen, uns zwei Tage ungestört über ein gemeinsames Thema auszutauschen." Und die Gesamtmoderatorin des Themenateliers, Dr. Maria Rosa Zapata de Polensky, fügte hinzu: "Wir möchten nun das Netz so eng schließen, wie es geht. Die Aufbruchsstimmung hat uns weit genug getragen, um jetzt in die Konzeptentwicklung zu gehen."

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 09.01.2009
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