Die Hauptschule Badenstedt war eine der 18 Besuchsschulen beim diesjährigen Ganztagsschulkongress des Ganztagsschulverbandes vom 19. bis 21. November 2008 in Hannover. Die offene Ganztagsschule überzeugt durch zahlreiche Projekte und Arbeitsgemeinschaften, mit denen die Persönlichkeit ihrer Schülerinnen und Schüler gestärkt werden.
Der lange Schlaks mit der Baseball-Mütze auf dem Kopf baut sich vor der Besuchergruppe in der Mensa der Hannoveraner Hauptschule Badenstedt auf. "Vor ein paar Jahren habe ich in einem Heim gelebt", erzählt er. Einige Sätze weiter berichtet er: "Ich bin vor 1.200 Leuten im Opernhaus und im Kinderkanal aufgetreten."
Was zwischen diesen beiden Sätzen geschah, erzählt Ron den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Ganztagsschulkongresses, die an diesem Morgen die Hauptschule als eine von 18 Besuchsschulen aufgesucht haben, dann auch: "Ich habe mich für Rap interessiert. Eine Lehrerin hat mir Mut gemacht, ich solle doch an der Rap-AG teilnehmen."
Es ist kaum anzunehmen, dass dieser 16-Jährige ohne die Anteilnahme seiner Lehrerin und das Ganztagsangebot seiner Schule heute da stünde, wo er steht: Zum einen ganz im Wortsinne, nämlich selbstbewusst selbst komponierte Texte rappend, aber auch im übertragenen Sinne: Käme Ron in einer Schule mit reinem Fachunterricht zurecht?
"Für Kinder da, die sonst niemanden haben"
Hier vor Ort in der seit 14 Jahren als Offene Ganztagsschule arbeitenden Hauptschule bekam das ein Gesicht, was Prof. Dr. Ulrike Popp von Alpen-Adria-Universität Klagenfurt an diesem Morgen vor Aufbruch in die Besuchsschulen in ihrem Vortrag "Soziales Lernen als individuelle und institutionelle Herausforderung in der Ganztagsschule" erwähnt hatte. Die Wissenschaftlerin vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung zitierte den Lehrer einer Ganztagsschule: "In erster Linie denke ich, dass wir Freunde und Kollegen, Spiel- und Gesprächspartner, Ersatzväter für Kinder sind, die sonst niemanden haben." Mit der klassischen Bild des Lehrers hat das nichts mehr zu tun, was ich da tue", ließ Ulrike Popp einen anderen Lehrer zu Wort kommen.
280 Schülerinnen und Schüler besuchen die Hauptschule, die sich den Gebäudekomplex mit der Realschule Badenweiler und den 5. und 6. Klassen eines Gymnasiums teilt. Insgesamt knapp 800 Kinder und Jugendliche lernen hier. Die Zukunft des Standortes am Stadtrand ist offen: "Die Stadt und das Schulamt denken über eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschule nach. Wir hoffen auf die Einführung einer Integrierten Gesamtschule", berichtet Karin Haller, die die Hauptschule derzeit kommissarisch leitet. "Wir leben in einer Umbruchsphase, und die Stadt steht in der Pflicht zu erklären, wie es weiter geht."
Die räumlichen Gegebenheiten der Ganztagsschule sind gut: Neben der Mensa, in der durch einen Caterer angeliefertes Essen ausgegeben wird, verfügt man über eine Cafeteria und einen großen Freizeitbereich, der mit dem Büro der Schulsozialarbeit gekoppelt ist. Hier finden sich Tischtennisplatten, eine Spielausleihe, ein Kuschelraum, ein Diskoraum und ein Billardzimmer. Die Stadtteilbücherei und ein Kulturzentrum im Haus ergänzen das schulische Angebot in Richtung eines vernetzten Quartierbildungszentrums.
Mitarbeit in der Cafeteria sorgt für freundliches Klima
Die Cafeteria wird von fünfköpfigen Schülergruppen aus den 7. bis 10. Klassen zusammen mit einer Lehrkraft geleitet, die täglich rotieren. Die Jugendlichen kümmern sich um den Einkauf, die Zubereitung der Speisen, Snacks und Getränke, den Verkauf in den Großen Pausen und die Hygiene. Diese Arbeit ist Teil der Fächer Hauswirtschaft und Wirtschaftslehre. Die Zusammenarbeit so vieler sorgt für ein "freundliches Klima und wirkt sich positiv auf die Schulatmosphäre aus", erzählte die Schulleiterin beim Besuch in dem Raum, der auch über Internet-Anschlüsse verfügt.
Als Ort der Kommunikation wird die "Cafete" geschätzt, aber sie ist auch eine preiswerte Alternative zur Mensa, deren Besuch freiwillig ist und die laut Aussage der Schulleiterin "kaum genutzt" wird. Selbst 2,50 Euro für eine Mahlzeit täglich sind für einige Familien unerschwinglich.
Die Spielausgabe ist ab der 2. großen Pause ständig bis 14.30 Uhr durch zwei Schülerinnen und Schüler besetzt. Die Klassen wechseln sich wöchentlich in der Arbeit in der Spieleausgabe ab. Eine Honorarkraft, die über kapitalisierte Lehrerstunden entlohnt wird, kümmert sich um den reibungslosen Ablauf im Freizeitbereich. Auch die Lehrkraft in der Cafeteria und die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sind bei Problemen erreichbar. Aber an große Probleme kann sich die Honorarkraft, ein gelernter Handelskaufmann, nicht erinnern: "Ich hatte mir die Arbeit hier wesentlich schwieriger vorgestellt." Auch Schulleiterin Karin Haller bestätigt: "Wir sind eine relativ ruhige Schule, mit manchmal schwierigen Schülern."
"Ruhige Schule" als Ergebnis konzeptionell durchdachter Arbeit
Diese "ruhige Schule" ist das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen von Schülerinnen und Schülern, pädagogischen Partnern, Kollegium und Schulleitung. Am 2. Juni 2008 glich eine Schulvorstandssitzung die Angebote und Ziele der Hauptschule systematisch mit den Inhalten des Niedersächsischen Qualitätsrahmens für Schulqualität ab, um zu einer Eigeneinschätzung zu gelangen, die bereits Erreichtes ebenso deutlich macht wie Defizite und Planungen. So listete man unter dem Punkt "Individuelle Förderung und Unterstützung" die verpflichtende Hausaufgabenhilfe in Klasse 5, die freiwillige Hausaufgabenhilfe in den Klassen 6 bis 10, die Mediation durch die Schulsozialarbeit und Interkulturelle Beratung, die Schülerberatung beim Übergang Schule/Beruf und einzelne Lernhilfen wie zum Beispiel durch eine Förderschullehrerin für vier Schüler in vier Wochenstunden oder in einer Sprachförderklasse für Kinder aus unterschiedlichen Nationen.
"Eine Gruppe arbeitet an einer Konzeption", erklärte Karin Haller. "Aus dieser Qualitätsentwicklung soll sich ein neues Schulprogramm ergeben." Dieses und noch viele andere Koordinations- und Verwaltungsarbeiten würden vom Kollegium und der Schulleitung quasi nebenher geleistet. "Es ist erstaunlich, wie viel sich Leute zumuten", lobte die Schulleiterin ihre Kolleginnen und Kollegen. Besser wäre es aber, wenn es neben ihrer Stelle noch einen Verwaltungsleiterin oder -leiter gebe, wie dies beispielsweise an der Deutschen Schule in Den Haag der Fall sei.
Zwei Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter leisten sozialpädagogische Beratung, lebensweltbezogene Einzelhilfe, sozialpädagogische Arbeit mit Gruppen und Eltern, Krisenintervention und bieten freizeitpädagogische Angebote wie eine Radio-AG an. "Wichtig ist auch die Vernetzung mit Jugendtreffs, dem kommunalen Sozialdienst, freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe und Jugend- und Familienberatungsstellen", berichtete die Sozialpädagogin Anja Terner. "Eine sehr gute Entscheidung war es, eine türkische Kollegin für drei Stunden in der Woche in unsere Schule zu holen, denn sie findet einen noch besseren Zugang zu den türkischen Mädchen."
Klassen-AG löst Probleme in Ruhe
An jedem Nachmittag bis 16 Uhr können die Schülerinnen und Schüler an AG-Angeboten teilnehmen, die zur einen Hälfte Lehrerinnen und Lehrer und zur anderen Hälfte pädagogische Partner leiten, die aus den kapitalisierten Lehrerstunden finanziert werden: Mädchen-AG, Schach-AG, Zeichnen-AG, Film-AG, Fußball-AG, Führerschein-AG, Breakdance-AG, Basketball-AG, Naturwissenschaften-AG, Hiphop-AG, Tischtennis-AG, Beatbox-AG. Letztere wird von zwei Jugendlichen geleitet, die zusammen mit "unseren besten Schülern" der Besuchsgruppe ebenfalls eine Kostprobe ihres erstaunlichen Könnens gaben. Mit Hilfe von Mikrophon, Stimme, Mund und Zunge zauberten sie Klänge und Töne im schnellen Rhythmus in den Raum, als ob ein Synthesizer spielen würde.
Die AG-Teilnahme ist freiwillig, bei Anwahl muss man allerdings ein halbes Jahr teilnehmen. Verpflichtend ist für alle Schülerinnen und Schüler die so genannte Klassen-AG, die einmal pro Woche für zwei Stunden stattfindet. Diese AG steht den Klassen für Gespräche, Aktionen, Projekte und Unterrichtsgänge zur Verfügung. Probleme, die in den Klassen auftreten, können hier in Ruhe angesprochen und gelöst werden, was die Klassengemeinschaft stärkt.
Einen wichtigen Beitrag zur Öffnung der Schule leistet seit 14 Jahren das "Curriculum Mobilität", das die Lehrerin Conny Behrens vorstellte. Das "Curriculum Mobilität" ersetzt die traditionelle Verkehrserziehung und wird in allen Jahrgangsstufen durchgeführt. Auf den vier thematischen Säulen Sicherheit, Umwelt, Soziales und Gesundheit bietet die Schule zusammen mit Partnern wie der Polizei, der Bundespolizei, der Feuerwehr, der Verkehrswacht, dem ADAC, DEKRA, TÜV, einer Fahrschule, dem Großraumverkehr Hannover, Sportvereinen, Drogenberatungszentrum, der Klimaschutzagentur und der Schulärztin zehn Bausteine zu Themen wie "Regeln", "Miteinander - gegeneinander", "Verdammt in Rausch und Drogen", "Lokal - global" oder "Tourismus" an. Ein Höhepunkt dieser Reihe ist eine Führung durch den Flughafen Hannover.
"Schulatmosphäre und Miteinander sind gut"
Für den Übergang von der Schule in die Berufe ist Benita Weis zuständig, die beim Bildungswerk der niedersächsischen Wirtschaft (BNW) angestellt ist und Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern im Rahmen des Projekts "Berufsorientierende Maßnahmen" (BOM ) in Berufswahlfragen berät, bei der Ausbildungsplatzsuche hilft, die Zusammenarbeit mit Betrieben und Berufsschulen organisiert. Die berufsorientierenden Maßnahmen werden dabei in den Unterricht integriert, zum Beispiel durch Bewerbungstraining, das Üben von Vorstellungsgesprächen sowie der Präsentation von Firmen mit ihren Ausbildungskonzepten im Unterricht.
"Die Schulatmosphäre ist bei uns deutlich besser, weil nicht nur kognitiv gefördert wird", lobte Schulleiterin Karin Haller dieses Gesamtpaket. "Ich kann mir nicht vorstellen, an einer Halbtagsschule zu arbeiten. Das Miteinander ist hier auch im Kollegium besser als an anderen Schulen und es ist ein erfüllendes Arbeiten. Wir können hier mehr Zeit, Zuwendung und Raum geben."
Hier lesen Sie den 1. Teil unserer Kongressberichterstattung.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 02.12.2008
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