Ganztagsschulforschung als Teil empirischer Bildungsforschung

Empirische Bildungsforschung arbeitet nicht mit von außen an die Praxis herangetragenen pädagogischen Idealvorstellungen und Normen, sondern geht vom pädagogischen Geschehen selbst, von der Wirklichkeit in Bildungsprozessen aus. Dabei werden unterschiedliche methodische Zugänge genutzt:

  • quantitative Erhebungen zu Organisations- und Angebotsstrukturen sowie zu deren Leistungsfähigkeit und Akzeptanz bei den verschiedenen Zielgruppen durch umfassende standardisierte Befragungen der beteiligten Akteure und entsprechende Analysen einschließlich des Einsatzes von Testverfahren und der Einbeziehung von Kontrollgruppen
  • qualitative Untersuchungen der alltäglichen pädagogischen Interaktionspraxis in Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten, der ablaufenden Prozesse und Kommunikationsstrukturen, des Selbstverständnisses der Akteure sowie der Gestaltungsstrategien ganztägiger Bildung, z. B. durch teilnehmende Beobachtung, Videoanalysen, qualitative Interviews mit Lehr- und weiteren pädagogischen Fachkräften, Methoden des Fallverstehens, Analyse schulischer Dokumente.

Quantitative Studien arbeiten mit großen, möglichst repräsentativen Fallzahlen und suchen verallgemeinerbare Erkenntnisse über einen Gegenstand zu gewinnen, die über das Besondere hinaus weisen. Qualitative Forschung arbeitet vielfach mit Fallstudien oder Fallanalysen. Sie beschränkt sich in der Regel auf geringe Fallzahlen und verfolgt darin den Anspruch, immer zugleich das Allgemeine und das Besondere der untersuchten Praxis herauszuarbeiten.

Die geförderten Forschungsvorhaben sind eingebettet in die erziehungswissenschaftliche Schul- und Professionsforschung. Wert gelegt wurde auf eine interdisziplinäre Anlage der Begleitforschung, in der Erziehungswissenschaft, pädagogische Psychologie, Bildungssoziologie, Sozialpädagogik sowie Kindheits- und Jugendforschung vertreten sind. Innovativ ist dabei die Zusammenführung schul- und sozialpädagogischer Forschung, von Schul- und Jugendforschung sowie von schul- und sport- oder musikpädagogischen Ansätzen.

Die Forschungsprojekte arbeiten überwiegend als Verbundprojekte mehrerer Universitäten beziehungsweise Forschungseinrichtungen. Sie gewährleisten länderübergreifende Vergleichs- und Differenzperspektiven und erfassen unterschiedliche regionale Schulkulturen. Einige Projekte untersuchen exemplarisch die Entwicklung in einem Land. Alle Vorhaben verfolgen gleichwohl den Anspruch, verallgemeinerbare Erkenntnisse für die Entwicklung schulischer Ganztagsangebote zu gewinnen, die für alle Länder von Belang sind. Vorhaben mit ausschließlich regional oder lokal beschränkter Relevanz werden nicht gefördert.

Die Forschungsprojekte kooperieren jeweils eng mit den Kultus- beziehungsweise Sozialministerien der Länder, in denen die Forschung durchgeführt wird, mit Lehrerfortbildungsinstituten, einschlägigen Institutionen und Netzwerken, darunter dem Netzwerk "Ganztagsschulforschung", sowie mit im Forschungsfeld ausgewiesenen Wissenschaftlern. Alle geförderten Projekte arbeiten auch in internationalen Kooperationen.

Von besonderer Bedeutung sind die wissenschaftliche Nachwuchsförderung (Promotions- und Habilitationsvorhaben) und die enge Verknüpfung von Forschung und Lehre, insbesondere in der Lehrerausbildung.

Im Juli 2007 wurde im Rahmen des ersten Symposiums "Ganztagsschulforschung" eine erste Zwischenbilanz zum Stand der vom BMBF geförderten Begleitforschung gezogen. Dabei wurden bisherige Ergebnisse resümiert und Ausblicke auf die weitere Forschung gegeben. 2010 fanden in München und Potsdam zwei umfangreiche Bilanztagungen zu den Ergebnissen der Ganztagsschulforschung statt. Diese Form der Peer Review dient der Qualitätssicherung der Forschung.

Seit 2010 liegen die Ergebnisse der Längsschnittuntersuchung "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" (2005-2010) vor. Mehrere Buchpublikationen sind in Vorbereitung.

2011 werden somit der Bildungspolitik in Bund und Ländern relevante empirische Daten und Forschungsergebnisse zur Verfügung stehen. Es ist vorgesehen, die Fördermaßnahme nach Abschluss unter Einbeziehung eines externen Sachverständigenkreises zu evaluieren und ihren Ertrag zu bewerten.

Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG

Im Mittelpunkt der Begleitforschung steht die gemeinsam mit 14 Ländern konzipierte "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG". Dem StEG-Konsortium gehören an: Prof. Dr. Klieme (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung Frankfurt am Main, federführend), Prof. Dr. Rauschenbach (Deutsches Jugendinstitut München) und Prof. Dr. Holtappels (Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund) und Prof. Dr. Stecher (Justus-Liebig-Universität Gießen). Das Konsortium wird beratend begleitet durch einen Länderbeirat sowie einen Wissenschaftlichen Beirat namhafter Bildungsforscherinnen und -forscher.

Mit StEG werden erstmals in Deutschland systematisch und im Längsschnitt empirische Daten zu Struktur, Entwicklung und Wirksamkeit von schulischen Ganztagsangeboten erhoben. In drei Erhebungswellen (2005, 2007, 2009) wurden umfassende Befragungen von pädagogischen Fachkräften, Schul- und Projektleitungen, Schülerinnen und Schülern, Eltern und außerschulischen Kooperationspartnern durchgeführt.

Das Design der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" ist nicht primär darauf angelegt, die Effekte der Förderung in der Ganztagsschule mit Blick auf schulische Leistungs- und kognitive Kompetenzentwicklung zu erheben. Die Studie hat jedoch einige Instrumente (Schulnoten, Kognitiver Fähigkeitstest im sprachlichen Bereich) implementiert, die eine Annäherung an Daten zur Leistungsentwicklung erlauben. Darüber hinaus lassen sich näherungsweise auf der Basis von Selbstauskünften der Schülerinnen und Schüler zum Lernnutzen der außerunterrichtlichen Angebote auch Aussagen über die lernbezogene Wirkungsqualität der Ganztagsangebote treffen.

Die Studie zielt weiterhin auf die Erfassung eines möglichst breiten Spektrums von Schülerkompetenzen und -merkmalen (soziale Kompetenzen wie prosoziales Verhalten und Perspektivenübernahme, Lernmotivation, Selbstkonzeptentwicklung, Schulfreude und andere), die in engem Zusammenhang mit der Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schüler stehen. Damit wird ein breiter Rahmen von Kompetenzen und entwicklungsrelevanten Merkmalen erfasst.

Neben schulbezogenen Auswirkungen steht im Mittelpunkt der Studie die Frage, wie sich die Teilnahme an schulischen Ganztagsangeboten auf das Freizeit- und Familienleben der Schülerinnen und Schüler auswirkt.

Forschung zu relevanten Aspekten der Ganztagsschule

Bereits seit 2005/06 werden ergänzende länderübergreifende Forschungsvorhaben zu Aspekten der Ganztagsschulentwicklung gefördert. Ende 2006 hat das BMBF nach Abstimmung mit den Ländern über prioritäre Forschungsinteressen und mit den StEG-Beiräten eine neue Förderrichtlinie konzipiert und 2007 veröffentlicht. Diese dient der Systematisierung, Fokussierung und Qualitätssicherung der Begleitforschung und orientiert sich an den Förderstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie den Intentionen des Rahmenprogramms Bildungsforschung des BMBF mit dem Ziel einer strukturellen Stärkung der empirischen Bildungsforschung, der Anschlussfähigkeit an die internationale Bildungsforschung und der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Folgende, nicht strikt zu trennende Fragestellungen werden im Rahmen der vom BMBF geförderten Forschung zu Ganztagsschulen untersucht:

Fragen der Lernkultur, Unterrichts- und Angebotsentwicklung mit dem Ziel einer verbesserten individuellen Förderung

Eine prioritäre Frage ist, inwiefern schulische Ganztagsangebote nicht nur eine zeitliche Verlängerung der Halbtagsschule, sondern eine neue Lernkultur mit veränderten Lernarrangements und einer neuen Zeitstruktur als Voraussetzung für eine bessere individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern ermöglichen. "Lernkultur" wird dabei als eine interaktive soziale Konstruktion durch Lehrerinnen und Lehrer sowie Schüler und Schülerinnen gesehen. Dazu gehört auch die schulische Hausaufgabenpraxis, in der Lehrer wie Eltern eine zentrale Leistung der Ganztagsschule sehen.

Eines der zentralen bildungspolitischen Themen ist dabei die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beziehungsweise aus sozial benachteiligten Milieus. Ziel der Forschungsprojekte ist es, Aufschlüsse zu gewinnen, welche Potentiale Ganztagsschulen bieten, um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund beziehungsweise Kinder in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen optimaler zu fördern, sowohl hinsichtlich der Unterrichtsquantität als auch der qualitativen Ausgestaltung des Ganztags.

Fragen des Personals und der Kooperation verschiedener Professionen und Institutionen

Eine der größten Herausforderungen bei der Ausgestaltung von Ganztagsschulen ist das Zusammenwirken von Fachkräften unterschiedlicher Institutionen, Professionen und Berufskulturen mit ihren unterschiedlichen Traditionen und jeweils zugrunde liegenden Förderkonzepten. Untersucht werden die institutions- und professionsspezifischen Kooperationsvorstellungen der unterschiedlichen Berufsgruppen an Ganztagsschulen, Merkmale der Kooperationspraxis, Auswirkungen der ganztagsspezifischen Anforderungen auf das berufliche Selbstverständnis und Handeln der Kooperationspartner, um Rückschlüsse für die Implementierung, Umsetzung und Weiterentwicklung von Ganztagsangeboten zu ziehen.

Fragen des Verhältnisses von Familie und Ganztagsschule

Die Bedeutung der Familie als Bildungsort ist unumstritten. Schulische Ganztagsangebote können die Familie nicht ersetzen. Ihr Potential liegt vielmehr in der Ergänzung durch erweiterte Bildungsangebote und vielfältige Formen des sozialen Lernens. Für einen Teil der Schüler bieten sie auch Chancen zur Kompensation von Bildungsdefiziten. Voraussetzung ist in jedem Fall die Akzeptanz und Unterstützung durch die Eltern. Die Forschungsvorhaben untersuchen daher die Schnittstellen zwischen (Ganztags-)Schule, außerschulischen Partnern und Familie. Von erstrangiger Bedeutung sind auch die Auswirkung bildungspolitischer Maßnahmen auf die Lebenswelt und die Peer-Beziehungen der Jugendlichen und damit eine "peer-gerechte" Gestaltung der Ganztagsschulen.

Ganztagsschule als Gegenstand regionaler und lokaler Bildungsplanung

Als eine wirksame Strategie zur Verbesserung von Bildungschancen und zur Verminderung sozialer Segregation gilt die Einbindung und Verankerung von Schulen im Sozialraum. Aufgrund des sozialen und demographischen Wandels stehen Städte und Kommunen dabei vor unterschiedlichen Herausforderungen. Die Forschungsvorhaben untersuchen die Auswirkungen der Implementierung schulischer Ganztagsangebote zum einen in Städten (insbesondere in Stadtteilen mit Problemlagen), zum anderen in dörflichen Sozialräumen, um Steuerungswissen für eine regionale und lokale Bildungsplanung ("Local Governance") zu gewinnen.

Kulturelle Bildung, Sport und Bewegung in Ganztagsschulen

Ganztagsschulen bieten große Chancen zur Erweiterung von Bildungsangeboten über den herkömmlichen Unterricht hinaus. Die häufigsten Kooperationspartner sind dabei Sportvereine und Musikschulen. Zwei größere Forschungsvorhaben untersuchen das Zusammenspiel von Ganztagsschulen und außerschulischen Partnern sowie deren Auswirkungen auf die Schulqualität. Zu beiden gibt es bisher keine Untersuchungen, es fehlen zum Teil grundlegende Strukturdaten.

Rekonstruktion der Gelingensbedingungen schulischer Ganztagsangebote in historischen Fallstudien

1968 empfahl die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates die Einrichtung von Ganztagsschulen als Versuchsschulen in allen Schulformen mit begleitender Forschung. Unter den Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Kirchen gab es einen breiten Konsens, das Angebot an Ganztagsschulen auszubauen. Dennoch verlief die Entwicklung komplizierter. Gelingensbedingungen und förderliche Konstellationen für den Ausbau schulischer Ganztagsangebote können konkrete historische Fallstudien zeigen.

Alle beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen und Hochschulen auf einen Blick. [mehr]

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