28. NOVEMBER 2008

"Ganztagsschulen haben Hochkonjunktur" - Teil 1

"Qualität an Ganztagsschulen" hieß die Überschrift des diesjährigen Ganztagsschulkongresses des Ganztagsschulverbandes, der vom 19. bis 21. November 2008 in Hannover stattfand. Von der Ministerial- über die Verwaltungs- und Kommunalebene bis in die einzelnen Schulen wurde die Entwicklung in den niedersächsischen Ganztagsschulen diskutiert.

"Ganztagsschulen haben Hochkonjunktur." Mit diesem Satz eröffnete die niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann den diesjährigen Ganztagsschulkongress des Ganztagsschulverbandes in der Landeshauptstadt Hannover.

Nach fünf Jahren machte der Verband mit der vom 19. bis 21. November 2008 dauernden Veranstaltung damit wieder in Niedersachsen Station - "kein klassisches Ganztagsschulland", wie der Verbandsvorsitzende Stefan Appel zur Begrüßung anmerkte, "aber auch hier ist viel in Bewegung gekommen." Und die Anwesenheit der Ministerin zeige, wie ernst die Ganztagsschule genommen werde.

Tatsächlich ließ sowohl die Anwesenheit der Ministerin und des Hannoveraner Oberbürgermeisters Stephan Weil als auch die erneut hohe Teilnehmerzahl von 400 Interessierten auf die erwähnte "Hochkonjunktur" schließen. In Niedersachsen selbst zeigt sich diese an der stark gestiegenen Zahl von Ganztagsschulen: Arbeiteten zur Zeit des letzten Ganztagsschulkongresses in Niedersachsen im Jahre 2003 noch 134 Schulen ganztägig, so sind es in diesem Jahr 665.



Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann

"Die aktuell dazugekommenen Schulen sind Überzeugungstäter. Es konnte ihnen nicht mehr um das Verteilen von Mitteln aus dem Investitionsprogramm ,Zukunft Bildung und Betreuung' des Bundes gehen", erläuterte Helmut Temming, Referent im Niedersächsischen Kultusministerium, die aktuelle Situation. "Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung." Die von 55 auf 63 Prozent gestiegene Teilnahmequote der Schülerinnen und Schüler an den Ganztagsangeboten sei dabei "ein Beweis für die hohe Qualität", welche an diesen Schulen geboten werde. 183.000 Kinder und Jugendliche sind Ganztagsschülerinnen und -schüler.

Über alle Schulformen hinweg sind 35 Prozent der Plätze in den Klassen 1 bis 10 Ganztagsschulplätze, wobei besonders die Gesamtschulen mit 94 Prozent und die Hauptschulen mit 64 Prozent die meisten Ganztagsplätze vorhalten. Verschwindend gering ist der Anteil bei den Grundschulen. "Diese hatten weniger Möglichkeiten, sich mit Partnern wie der Jugendhilfe zusammen zu tun, und vielleicht auch weniger Mut", erklärte Temming dazu. Gerade für die Grundschulen formulierten immer mehr Eltern inzwischen aber den Anspruch auf eine ganztägige Bildung und Betreuung, was Temming als einen "deutlichen Auftrag an Politik und Verwaltung" verstand.

Ganztagsschulkultur steckt noch in den Kinderschuhen

Den hat auch Stephan Weil in seiner Kommune wahrgenommen. "Die Ganztagsschulversorgung in den Kindertagesstätten liegt bei 100 Prozent", berichtete der Oberbürgermeister in seinem Grußwort. "Viele Eltern verstehen nicht, dass dann mit der Einschulung ein solcher Bruch kommt." Die Stadt Hannover präferiere daher einen Ausbau der Grundschulen zu Ganztagsschulen. Weil sah die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer "als Verbündete" an.

Auch er sehe wie sie die Ganztagsschule als "große Chance", Kinder zu fördern, Jugendkriminalitätsraten zu senken und die Integration von Migranten entscheidend zu verbessern. Es müsse ein noch höherer gesellschaftlicher Druck aufgebaut werden, um in der Ganztagsschulfrage zu weiteren Fortschritten zu kommen. Zur Kooperation von Schulen mit der Jugendhilfe gebe es ebenfalls "keine Alternative", auch wenn hier noch immer erhebliche Widerstände zu überwinden seien.



Der Bundesvorsitzende Stefan Appel bei der Begrüßung

"Die Ganztagsschulkultur steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen", gab Elisabeth Heister-Neumann zu bedenken. "Aber wir sind dabei, eine solche zu entwickeln." Es sei nun einmal ein schwieriger Prozess, dass bestehende Halbtagsschulen bei laufendem Betrieb zu Ganztagsschulen umgewandelt würden von Menschen, die keinerlei Erfahrungen mit Ganztagsschulen gemacht hätten - " das ist schwieriger als die Neugründung einer Schule."

In Niedersachsen bleibt laut der Ministerin viel zu tun, aber man sei stolz auf das bisher Erreichte. "Für besonders bedeutsam halte ich, dass die Eltern mit der Ganztagsschule zufrieden sind, wie die StEG-Studie belegt hat. Auch das Argument der Familienunfreundlichkeit ist entkräftet worden." Die Akzeptanz der Ganztagsschulen nehme sehr zu. Die hohe Qualität in den Schulen werde vor allem durch Lehrerinnen und Lehrer erreicht, die mit großem Engagement Aufgaben übernähmen, die weit über ihren Auftrag hinausgingen.

IZBB-Programm als "Türöffner" für Schulentwicklung

An vielen Standorten habe das IZBB-Programm die Funktion eines "Türöffners" übernommen: Durch die Verbesserung der Strukturqualität sei an diesen Ganztagsschulen eine gute Prozessqualität erzeugt worden - alle Kräfte arbeiteten an der Gestaltung dieser Schulen mit. "An der Personalausstattung muss noch gearbeitet werden", gab die Ministerin zu. "Ich würde gerne genügend Lehrerinnen und Lehrer zuweisen, aber das Land gibt einem ausgeglichenen Haushalt und dem Abbau von Schulden Vorrang."

Aus diesen finanziellen Gründen genehmigt das Land auch nur offene Ganztagsschulen. Die Entwicklung zu gebundenen Formen, die es Elisabeth Heister-Neumann zufolge gibt, müssen die Schulen alleine stemmen. Obwohl sich die Schulen bei Antrag auf Umwandlung in eine offene Ganztagsschule ausdrücklich verpflichten müssen, auf zusätzliche finanzielle Unterstützung durch das Land zu verzichten, lägen derzeit wieder 150 Anträge für das kommende Schuljahr vor.



Helmut Temming erläutert die niedersächsische Ganztagsschulentwicklung

"Für alle Akteure muss das Angebot verbessert werden", forderte die Kultusministerin. "Ganztagsschulen sollen ein Ort für Lernprozesse sein, bei denen die Schülerinnen und Schüler aus einem Angebot unterschiedlicher Institutionen, Personen und Inhalte auswählen können. Dabei müssen auch nichtformelle Inhalte angeboten werden." In den niedersächsischen Ganztagsschulen gebe es "Licht und Schatten" - über das Eine wie das Andere müsse man sprechen, erklärte Elisabeth Heister-Neumann.

Der Kongress tat genau das. 18 Ganztagsschulen in Hannover und Umgebung öffneten den Teilnehmerinnen und -teilnehmern ihre Türen. In 16 themenbezogenen Workshops und in bundeslandbezogenen Praktikergesprächen tauschten sich die Schulvertreter aus. Gerade der Niedersachsen-Gesprächskreis untermauerte das Ministerinnenwort vom "Licht und Schatten": Während manche Ganztagsschulen, die noch nach einem älteren Erlass gefördert werden, ausreichende Lehrerzuweisungen und gute bauliche Voraussetzungen haben, klagen andere über bauliche Mängel und Arbeitsüberlastung - "wir bekommen keine Stunde und keinen Cent", klagte eine Schulleiterin.

"Wir organisieren uns zu Tode"

Der größte Hemmschuh beim Aufbau und der Weiterentwicklung von Ganztagsschulen ist aber - das machte der Austausch überdeutlich - die mangelnde Geschlossenheit eines Kollegiums oder die fehlende Unterstützung einer Schulleitung. "Das Kollegium muss mitgehen, sonst ergibt sich eine explosive Mischung", mahnte eine Lehrerin aus eigener Erfahrung. "Deshalb macht die Entscheidung, Ganztagsschule zu werden, eine gute Vorbereitung notwendig."

Eine Gymnasiallehrerin meinte: "Bei uns ist einfach im Nachmittag ein Freizeitbereich angehangen worden - das verstehe ich nicht unter Ganztagsschule." Auch hier fehlte bezeichnenderweise der Rückhalt im Kollegium für Veränderungen. "Ganztagsschule heißt doch nicht nur, den ganzen Tag in der Schule zu verbringen, sondern dass wir reformpädagogisch, ganzheitlich und kindgerecht arbeiten", ergänzte eine Kollegin.



Prof. Dr. Ulrike Popp von Alpen-Adria-Universität Klagenfurt referierte über "Soziales Lernen in der Ganztagsschule"

Was umgekehrt möglich ist, wenn ein Kollegium hinter dem Ganztagskonzept steht, zeigt sich an der Hauptschule Rotenburg. Hier waren die Eltern die treibende Kraft hinter der Einführung. Zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern bereiste man in der Vorbereitung andere Ganztagsschulen, um sich Impulse und Ideen zu holen. Nun werden zwei der vier Ganztagsschultage von Lehrerinnen und Lehrer gestaltet, Schülerfirmen betreuen die Mensa und die Bücherei und mit IZBB-Mitteln sind Aula, Mensa und Sozialräume gebaut worden.

Organisationsfehler können aber auch zur Überforderung selbst eines Teams führen, das laut der Schulleiterin einer Grundschule "zusammenhält und gute Arbeit leistet". An ihrer Schule dürfen die Eltern nicht nur die Tage einzeln anwählen, an denen ihre Kinder teilnehmen können, sondern auch die einzelnen Module wie Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Arbeitsgemeinschaften.

Die Folge: "Wir organisieren uns zu Tode", gab die Schulleiterin zu. Zeit gehe mit dem endlosen Abgleich von Listen verloren. Dieses pädagogische Konzept muss überdacht werden, waren sich alle der etwa 15 Kolleginnen und Kollegen im Gesprächskreis einig.

Hier lesen Sie den 2. Teil unserer Berichterstattung über den Ganztagsschulkongress.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 28.11.2008
© www.ganztagsschulen.org

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Schauplatz des Ganztagsschulkongresses 2008: Großer Saal im Tagungshotel Wienecke in Hannover

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