30. OKTOBER 2008

Mit Optimismus und Mut zu einer guten Schule

"Individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen" ist wohl die zentrale Herausforderung, vor der Lehrerinnen und Lehrer stehen. "Individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen" lautete auch der Titel einer zweitägigen Fachtagung am 10. und 11. Oktober 2008 an der Würzburger Universität, auf der Antwort auf die Fragen gegeben werden sollte, was man mit individueller Förderung erreichen möchte und wie sie sich verwirklichen lässt.

Individuelle Förderung - "das ist das tagtägliche Geschäft der Lehrerinnen und Lehrer". So begrüßte Prof. Dr. Dorit Bosse am 10. und 11. Oktober 2008 rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Hörsaal der Universität Würzburg am Wittelsbacherplatz zur Tagung "Individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen".

Individuelle Förderung - das ist aber auch ein schwieriges Unterfangen, und dies nicht nur wegen der oft beklagten Umstände von zu wenig Zeit oder zu großen Klassen, sondern auch aufgrund der unklaren Zielsetzung. Denn was möchte man durch individuelle Förderung erreichen? Kompensation? Homogenisierung? Ressourcenorientierte Förderung gemäß der jeweiligen Fähigkeiten? "Mit dieser Tagung wollen wir Antworten darauf finden", erklärte die Leiterin der Abteilung Lehrerfortbildung im Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung an der Universität Würzburg

Während die Wissenschaft Heterogenität als Bereicherung, die nicht eliminiert werden sollte, einstuft, "streben wir in den Schulen Gleichheit an, die uns in anderen Lebensbereichen abstoßen würde", stellte Armin Hackl in seinem Eröffnungsvortrag "Förderung von Begabungen in heterogenen Lerngruppen" fest. Der Oberstudienrat des Deutschhaus-Gymnasiums Würzburg, einem Gymnasium mit Hochbegabtenförderung und Ganztagsbetreuung in den 5. bis 7. Klassen, ergänzte: "Dieses pädagogische Paradies wird es sowieso nie geben, denn keine Lerngruppe ist auch nur annähernd homogen. Im Gegenteil ist die Individualität sehr deutlich, manchmal unbewältigbar deutlich."

Ganzheitliche Förderung notwendig

Das größte Problem in den Schulen bestehe indes im Erkennen der Begabungen. Und die Erfahrungen am Deutschhaus-Gymnasium zeigten, dass Begabung - hier gemessen am IQ-Wert - keine Rolle für den schulischen Erfolg spiele, sondern auch hier stark differenzierte Noten erzielt würden. "Eine Begabungsvoraussetzung führt nicht notwendig zum Erfolg", so der Lehrer.



Dorit Bosse

Begabungsförderung sei ein komplexer Prozess, bei der es nicht ausreiche, einfach nur das Quantum zu erhöhen. "Vielmehr ist eine ganzheitliche Förderung notwendig, die neben der kognitiven Förderung auch co-kognitive Begabungen wie Bestimmung, Optimismus, Mut, Vision, Energie und Hingabe unterstützen", erläuterte Hackl. Damit einher gehe der Wandel von der defizitorientieren Auslese- zur stärkenorientierten Förderungsschule.

Erreichen lässt sich das laut Hackl beispielsweise durch den so genannten Multiplen Unterricht, in dem lehrerzentrierte, für alle Schülerinnen und Schüler obligatorisch gleiche Inhalte, mit offenem schülerbestimmten Gruppenunterricht, mit Selbstlernen nach Interesse und in Einzelarbeit nach Plan kombiniert werden. "Die individualisierte Schule setzt der Normierung der Fächer, Inhalte und Anforderungen eine Addition aus fundamentalem Wissen, Vertiefungswissen und Interessenwissen entgegen", führte der Pädagoge aus. "In individualisierten Lernprozessen bestimmen die Schülerinnen und Schüler über Lerninhalte, Lerndauer und Lernformen." Die Lehrerrolle verändere sich dementsprechend zu der eines Begleiters, Moderators und Evaluators.

Neudefinition der Lehrerarbeitszeit notwendig

Weitere Maßnahmen, welche die individuelle Förderung unterstützen, sind der Projektunterricht, in dem selbstständiges Planen und Handeln, Organisationsfähigkeit und Kooperationsfähigkeit im Vordergrund stehen, und die methodische Differenzierung mit Gruppenarbeit, freier Materialarbeit, Lernzirkel, Wochenplanarbeit, Recherche und Dokumentation. Andere Möglichkeiten besteht in der Akzeleration, also einer Tempobeschleunigung, mit dem Überspringen von Klassen oder einem Frühstudium, dem Enrichment, das zusätzliche Fächer, erweiterte Sprachen, Wahlkurse, Wettbewerbe oder Praktika umfassen kann, dem Selbstlernen und dem Einzelunterricht.

"Gerade in den Grundschulen hat sich in den letzten zehn Jahren viel im Unterrichtsgeschehen verändert", lobte Hackl, "aber in den weiterführenden Schulen müssen die Schülerinnen und Schüler oft immer noch beschäftigungslos sitzen bleiben, selbst wenn sie alles verstanden haben. Hier müssen sich die Schulen flexibler entwickeln und eigene Angebote mit ergänzendem Unterricht machen sowie die Schülerinnen und Schüler in höherem Maße in die Pflicht nehmen." Diese Mühen müsste die Lehrerschaft schon auf sich nehmen, auch um die 20 Prozent der Schülerschaft, die abgehängt zu werden drohten und die es Hackl zufolge "nicht nur an den Hauptschulen gibt", aufzufangen.



Armin Hackl

Auch weitere organisatorische Änderungen seien dazu notwendig: Es müssten Räume für Kleingruppenarbeit, Bibliotheken und E-Learning-Räume entstehen, die Zeit sollte mit dem Abschaffen des Stundentakts anders organisiert werden und man benötige auch andere Professionen und Eltern in den Schulen. Vor allem aber brauche es eine Neudefinition der Lehrerarbeitszeit: Neben der Unterrichtszeit müssten auch die Zeiten für Beratung und Betreuung vorhanden sein, um die Schülerinnen und Schüler produktiv zu begleiten und die Arbeit mit Förderplänen für einige Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.

"Vieles wird einfach nur mal so ausprobiert"

Eine Lanze brach der Oberstudiendirektor für eine Vereinbarungskultur zum Beispiel mit Lernverträgen und verbindlichen Absprachen zwischen Lehrern, Schülern und Eltern über Lern- und Verhaltensleistungen. "Wenn dieser gesamte Prozess vorangebracht wird, hoffe ich, dass wir Schülerhaltungen wie ,Ich kann nichts' und ,Interessiert mich nicht' aufbrechen können. Es ist mittelfristig machbar, Optimismus und Mut zu wecken. Das war immer Gegenstand einer guten Schule."

Wie an einem bayerischen Ganztagsgymnasium konkret gefördert und gefordert wird, stellten die Oberstudienrätin Monika Herzog und der Studienrat Andreas Neiderer am Beispiel ihres Balthasar-Neumann-Gymnasiums in Marktheidenfeld vor. Aufgrund des durch die Reduzierung auf acht Schuljahre bereits durch Fachunterricht angefüllten Tages sind die Möglichkeiten zur Rhythmisierung und für zusätzliche Angebote begrenzt. Dennoch bemüht sich das Gymnasium im Rahmen der Ganztagsschule, den Schultag aufzulockern und Elemente individueller Förderung einzubauen.



Gruppenarbeit auf einem Seminar des Balthasar-Neumann-Gymnasiums

"Eine Befragung im Kollegium hat ergeben, dass alle individuelle Förderung für wichtig halten", berichtete Andreas Neiderer. "Zugleich wurde sie aber auch von allen für eine Belastung gehalten und lediglich als Instrument zum Ausgleich von Defiziten verstanden." Die Förderung aller Schülerinnen und Schüler hielten 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen laut der Umfrage nicht für möglich. Es herrsche einfach große Unsicherheit, wie man individuelle Förderung umsetzen solle. "Vieles wird eher nur ausprobiert", erklärte Neiderer, "besonders nach Fortbildungen. Die Schülerinnen und Schüler meinen dann schon spöttisch: ,Oh, die sind auf einer Fortbildung gewesen. Jetzt gibt es wieder Portfolios.'."

Zusätzliche Stunden in den Kernfächern

Im Rahmen der G8-Ganztagsschule, die neben der G8-Halbtagsschule besteht, hat das Balthasar-Neumann-Gymnasium zum individuellen Fördern und Fordern den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik jeweils eine zusätzliche Stunde pro Woche eingeräumt. Innerhalb dieser Stunden können die Schülerinnen und Schüler ihre schriftlichen Hausaufgaben von Montag bis Donnerstag unter Anwesenheit des Fachlehrers erledigen. In den Kernfächern wird zudem für Schüler mit negativen Noten ein einstündiger Förderunterricht angeboten. In der so genannten Studierzeit werden die Hausaufgaben der Nichtkernfächer in kleinen Gruppen angefertigt. Hier betreuen Lehrer oder Sozialpädagogen diese Stunden und geben Hilfestellung. Von Montag bis Donnerstag werden zusätzlich vier freiwillige, klassenübergreifende Studierstunden von 15.40 - 16.25 Uhr angeboten, die ebenfalls von Lehrkräften oder den Sozialpädagogen begleitet werden.

Die Rhythmisierung des Tages wird durch den Einsatz von Doppelstunden, mit der die Anzahl der täglichen Fächer reduziert wird, Wahlfachangeboten wie Chor, Rhönrad, Schultheater oder Tanz am Vormittag, Neigungsgruppen am Nachmittag und den Einsatz von Epochenunterricht erreicht. Ein etabliertes Tutorensystem sorgt dafür, dass die Fünftklässler Begleitung durch die Zehntklässler erfahren.

"Die Pflichtstunden nehmen uns die Luft, so dass reformpädagogische Ansätze kaum umzusetzen sind", erklärte Monika Herzog. "Aber mit unseren institutionalisierten Methoden der individuellen Förderung tun wir das, was möglich ist, um die Schülerinnen und Schüler zusätzlich zu fördern und zu fordern."

 

Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 30.10.2008
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