21. OKTOBER 2008
Herbstakademie Herne: Spielerisch Sprache erlernen
Individuelle Förderung heißt an vielen Schulen auch Sprachförderung. Welche ganzheitlichen und projektorientierten Sprachfördermöglichkeiten sich während des gesamten Schultags anbieten, war unter anderem Thema der 3. Herbstakademie "Individuelle Förderung in der offenen Ganztagsschule" der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen vom 8. - 10. Oktober 2008 im westfälischen Herne.
Ein vermeintlich verständlicher Text über die Kartoffel, geschrieben für Kinder im 4. Schuljahr. "Streichen Sie bitte alle Wörter an, von denen Sie glauben, dass die Schülerinnen und Schüler Ihrer Klasse sie nicht verstehen", bittet Hilde Hess-Steinhauer von der RAA Essen die etwa 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres Workshops. Die Stifte lassen kaum ein Wort unberührt: Knolle, Nahrungsmittel, Hungersnot, Zierpflanze. Damit wird ein Satz bestätigt, den die Moderatorin zur Begrüßung geäußert hat: "Man wundert sich, was Kinder heutzutage alles nicht können."
Hilde Hess-Steinhauer ist in der Hauptstelle Nordrhein-Westfalen der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien" für das Interkulturelle Lernen und die Förderung von Mehrsprachigkeit in der Primarstufe im offenen Ganztag zuständig.
In ihrem Workshop "Fachsprache erwerben - wie kann man das am Vor- und Nachmittag einer Ganztagsschule unterstützen?" erhofften sich die Pädagogischen Partnerinnen, Schulleiterinnen und Lehrerinnen Anregungen, diese Unterstützungsleistung in den Unterricht und die Nachmittagsangebote einzubetten. "Wir machen praktisch nur Nachhilfe und kommen zu nichts anderem", klagte eine außerschulische Pädagogin. "Wir müssen alles mühsam erklären, das Sprachniveau der Kinder ist niedrig", eine andere.
Plenum in der Mont-Cenis-Akademie in Herne
"Wenn in der Sekundarstufe I die Fachsprache in den Vordergrund des Unterrichts rückt, kommen viele Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien nicht mehr mit. Es ist wichtig für ihren Erfolg im Schulsystem, dass sie Fachsprache erlernen", erklärte Hilde Hess-Steinhauer. "Wir sind froh, dass die Kinder durch die Ganztagsschule länger in der Schule sind. Hier erhalten sie weitere Anregungen und können sich an Sprachvorbildern orientieren."
Spielerisch Sprache erlernen
Aber: "Es reicht nicht, wenn morgens in der Fachsprache und nachmittags in der Alltagssprache kommuniziert wird", so die Lehrerin. "Diese Aufgabe kann keiner alleine bewältigen, das muss vernetzt passieren." Fünf bis acht Wörter könnten Grundschulkinder in der Woche erlernen, und es brauche mindestens 15 Wiederholungen, bis sich ein Wort richtig eingeprägt habe. Ein Fangspiel, bei dem ein Satz immer wiederholt und variiert werden muss, wurde als spielerische Möglichkeit, Worte zu wiederholen, präsentiert. "Die Schülerinnen und Schüler müssen aktiv etwas erlernen, indem sie die Worte selber sprechen. Vom Zuhören lernt man die Sprache nicht", meinte Bettina Jansen, Sprachförderprojektleiterin an der offenen Ganztagsgrundschule Neuessener Schule in Essen, die den Workshop ebenfalls moderierte. "Die Kinder sollen auch Spaß dabei haben. Solche Sprachförderübungen dürfen nicht in die 10. Unterrichtsstunde ausarten."
In der Neuessener Schule finden sich Schülerinnen und Schüler mit Sprachförderbedarf zwei Stunden wöchentlich in einer Kleingruppe von etwa zehn Kindern zusammen. Bettina Jansen übt mit ihnen Wörter und Grammatik. Die Kinder erklären, welche Kleidung sie tragen. Sie ziehen Karten, auf denen Kleidungsstücke abgebildet sind, und müssen diese und die jeweilige Farbe benennen. Die Karten werden abgelegt: "Auf den Tisch", "unter den Stuhl", "in den Schrank" - die Grundschülerinnen und -schüler üben die richtige Präposition. "Visualisieren und Vorspielen ist sehr wichtig, und etwas aus der Situation heraus zu erklären", erläutert die Lehrerin. Dies geschieht alles spielerisch, aber in einem ritualisierten Ablauf. laut Bettina Jansen kommen die Kinder auch deshalb gerne in die Gruppe und empfinden die Förderstunde nicht als Strafe oder Abwertung.
Bettina Jansen (l.) und Hilde Hess-Steinhauer bei der Moderation ihres Workshops
Beim Text über die Kartoffel übte die Workshop-Gruppe dies ähnlich: Es ging darum, kindgerechte Kontexte für die mutmaßlich unbekannten Wörter herzustellen. Das Wort "bleich" beispielsweise erklärte eine außerschulische Pädagogin mit der Erinnerung an einen Schulausflug in ein Schloss und das dort herumspukende Gespenst: "Es hatte kaum Farbe, war fast durchsichtig, also ganz bleich." Ein Text lasse sich auch durch einen Ausflug in die Umwelt erschließen, indem man die Natur mit allen Sinnen erkunde, regte Hilde Hess-Steinhauer an. "Die Schülerinnen und Schüler können Methodenkompetenz erwerben, indem zum Beispiel Lexika oder das Internet zur Sprachförderung eingesetzt werden." Auch Lieder zu singen, sei wichtig und mache den Kindern Spaß.
Sprachförderung bei jedem Projekt mitdenken
Praktisches Tun und Wörter erlernen - dazu kann auch gemeinsames Kochen beitragen. Ein Pizzarezept ist in Einzelteile zerlegt und muss in der richtigen Reihenfolge zusammengesetzt werden. Und in der "Pizzamassage" massieren und kraulen sich die Kinder zur Backanleitung gegenseitig die Rücken. Zum Beispiel macht die Handfläche kreisförmige Bewegungen zum Satz "Als erstes kommt Tomatensoße auf die Pizza."
Im Workshop erarbeiteten die Teilnehmerinnen auch Projekte zu vorgegebenen Themen, z. B. "Steinzeit", "Fahrrad" oder "Berufe". Auch hier sollte der Spracherwerb mit aktivem Tun für die Schülerinnen und Schüler verknüpft werden. Eine Steinzeit-AG könnte beispielsweise für ein Vierteljahr einmal wöchentlich im Nachmittagsbereich stattfinden. Die Pädagoginnen und Pädagogen legen eine Liste mit den zu erlernenden Fachbegriffen an. Diese können zu einem Memory-Spiel verarbeitet werden.
"Wir können bei den Schülerinnen und Schülern zunächst an Vorwissen anknüpfen, wenn sie zum Beispiel die Fernsehserie ,Die Familie Feuerstein' kennen", erklärte eine Pädagogin. Dann könnten die Kinder einen Steinzeit-Menschen basteln, ein Dorf mit Materialien bauen, die man bei einem Waldspaziergang gefunden hat, Werkzeuge aus Holz herstellen, Mehl mahlen und Brot backen. "Zum Schluss statten wir mit diesen Utensilien ein Steinzeit-Museum aus, feiern ein Steinzeitfest und laden dazu die Schule und die Eltern ein."
Arbeit im Sprachförderung-Workshop an einer Präsentation zum Thema Fahrradbeschreibung
Hildegard Hess-Steinhauer zufolge sollte Sprachförderung bei jedem Projekt mitgedacht werden. Solche Projekte könnten ruhig auch andere Themen als das am Vormittag Gelernte aufgreifen: "Manchmal ist es zu viel, wenn die gleichen Inhalte am Nachmittag wieder auftauchen." Dazu seien natürlich Absprachen mit dem Lehrpersonal erforderlich - woran es, dies machte die Herbstakademie deutlich, an vielen offenen Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen noch immer hakt.
Schülerinnen und Schüler brauchen Grenzen und Freiräume
"Die Ganztagsschule ist leider häufig noch in Vormittagsunterricht und nachmittägliche Angebote getrennt", bedauerte Oggi Enderlein in ihrem die Veranstaltung eröffnenden Vortrag "Die offene Ganztagsschule aus Sicht der Kinder". Die Schule müsse ermöglichen, dass Kinder sich bewegen und sich ausprobieren. Es gehe darum, die Welt zu entdecken. "Wenn man dagegen Kinder sechs Stunden täglich in einem Raum stillsitzen lässt, muss man sich nicht wundern, wenn Auffälligkeiten zunehmen", so die Diplom-Pädagogin, denn "der alltagstypische Bewegungshunger wird unterdrückt."
Kein Zufall, dass die Schülerinnen und Schüler in Befragungen, welche Veränderungswünsche sie haben, immer zuerst den Wunsch nach einem schöneren, vielfältigen Schulhof stellten. "Die Kinder wünschen sich Sport und Bewegung, Zeit zum Spielen und Ausruhen, Arbeit in Kleingruppen, gemeinsames Erledigen der Hausaufgaben und Projektarbeit - und dies in verlässlichen Strukturen in der Verantwortung der Erwachsenen." Berücksichtige man diesen Wunsch nach Freiraum und Autonomie, nähme das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und damit auch der Lehrerinnen und Lehrer zu.
"Die Schülerinnen und Schüler brauchen eindeutige Grenzen und Freiräume. Sie müssen herausgefordert werden und dabei Anleitung und Anerkennung erfahren", führte Oggi Enderlein aus. "Wir müssen ihnen zuhören, sie ernst nehmen und beteiligen."
Demokratie praktizieren
Dieser Ansicht ist auch Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg, der in seinem Referat "Partizipation in der offenen Ganztagsschule - unter besonderer Berücksichtigung von Kinderbedürfnissen und -interessen" vor den etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nahtlos an seine Vorrednerin anknüpfen konnte. "Im Zentrum von Partizipation steht die Selbstständigkeit - was trauen wir Kindern und Jugendlichen zu? Die Beziehung zur Lehrerin und zum Lehrer ist entscheidend: Wie ver-, um- und übersorgend ist eine Lehrperson?"
Oggi Enderlein (l.) und Benedikt Sturzenhecker
Für den Erziehungswissenschaftler ist Partizipation der Weg zur Demokratie. "Je weitgehender Beteiligung als Recht zur Mitentscheidung verstanden wird, desto mehr Demokratie ist in der Schule verwirklicht." Partizipation ist laut Sturzenhecker ein "Schlüssel zur Selbstbildung, der die Aneignung von Kompetenzen ermöglicht und Schule zu einem Lebensort macht. "Partizipation vermittelt Kindern und Jugendlichen bereits den Status als Bürger, sodass sie zumindest einen Teil Demokratie praktizieren."
Die Macht zwischen den Erwachsenen könne durch klare Regeln geteilt werden - "und besser es gibt einige wenige Mitbestimmungsrechte als gar keine", stellte der Wissenschaftler fest, der zugestand, dass Partizipation Zeit, Personal, Raum und Geld koste. "Partizipation sollte ausgeweitet werden - im Unterricht, im Schulleben, im Nachmittagsbereich und in der Kooperation."
Die Schülerinnen und Schüler könnten selber den Bedarf nach Angeboten im Nachmittagsbereich erheben und gemeinsam über das AG-Angebot entscheiden. Sie könnten Räume und Essen mitplanen, soziale Regeln gemeinsam bestimmen und Konflikte klären. Sie könnten Projekte konzipieren, realisieren und auswerten und sich in der Kommune engagieren. "Große Ziele sollte man in kleinen Schritten angehen", riet Sturzenhecker, "Demokratie dauert."
Auf den Einwand einer Pädagogin, für die Umsetzung all dieser Vorschläge fehle ihr schlicht die Zeit, erwiderte eine andere aus dem Plenum: "Wir trauen uns zu wenig zu. Wir sollten das einfach probieren." Und Oggi Enderlein ergänzte: "Wir sollten den Schalter in unseren Köpfen vom ,Geht nicht!' zum ,Wieso nicht?' umlegen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 21.10.2008
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