Die Städtische Gesamtschule Finsterwalde liegt am Rande der Altstadt der Sängerstadt im Süden Brandenburgs. Sie kontrastiert stark mit dem altehrwürdigen Flair des Marktplatzes und seinem Kopfsteinpflaster, den alten zweigeschossigen Häusern, dem Schloss und dem Wasserturm. Wohl so manche Kommune wünscht sich ein so modernes Schulgebäude.
Auf der 1. Jahrestagung des Ganztagsschulverbandes des Landes Brandenburg staunten einige der Gäste aus anderen Schulen daher auch nicht schlecht: "Wieso habt ihr eine so tolle Schule? Bei uns fällt der Putz von der Decke", äußerte eine Lehrerin beim Gang durch den hellen, modernen Gebäudeteil mit der Aula, in der die Verbandsvorsitzende Christel Arlt die Teilnehmer der Tagung begrüßte. Sie ist zugleich Direktorin der Schule und hatte diese als Ort für die Veranstaltung gewählt. Rund 60 Interessierte fanden den Weg in die Niederlausitz, auch wenn sie (noch) nicht Verbandsmitglieder waren.
Bohren dicker pädagogischer Bretter
Das für die Tagung gewählte Thema "Konzeptentwicklung von Ganztagsangeboten und die Rolle von Kooperationspartnern" lockte viele Vertreterinnen und Vertreter von Halbtags- und Ganztagsschulen an - wohl nicht zuletzt, weil hier oftmals noch Klärungsbedarf besteht, wie sich später in den Arbeitsgruppen herausstellen sollte.
Das Motto der eintägigen Veranstaltung lautete: "Damit das Mögliche geschieht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden." Mit anderen Worten: Das beharrliche Bohren dicker pädagogischer Bretter gehört zum Muss, wenn man eine Ganztagsschule aufbauen und erfolgreich gestalten will. Um diesen Prozess zu erleichtern, sollte die Tagung einen Beitrag leisten. "Sie sollen von hier handfeste Maßnahmen und Vorschläge mitnehmen", versprach Dr. Martin Creutzburg in seinem Eröffnungsreferat.
Der Berater für Organisations- und Personalentwicklung aus Weimar sprach über die "Ressource Ganztagsschule - Chancen und Risiken von Kooperationspartnern". Sein Referat begann er mit einem Experiment: Alle Teilnehmer stellten sich paarweise voreinander auf und betrachteten sich. Dann drehten sie sich weg, veränderten drei Dinge an ihrem Aussehen und wandten sich wieder einander zu. Nun sollte jeder feststellen, was das Gegenüber verändert hatte. Dies stellte sich als gar nicht so einfach heraus: Selbst abgenommene oder aufgesetzte Brillen wurden nicht erkannt. Das Fazit aus dieser Kurzdemonstration: "Um sein Gegenüber wirklich kennen zu lernen, bedarf es mehr als eines flüchtigen Blicks", so Creutzburg. "Das lässt sich auf Schulen und Jugendhilfe übertragen."
Probleme für Einzelkämpfer nicht lösbar
Um für beide Seiten zu einer gewinnbringenden Zusammenarbeit zu kommen, müssten sich Schule und außerschulische Partner folgende Punkte vor Augen halten, so Creutzburg: "Unsere Beziehung ist wichtig. Wir haben unterschiedliche Interessen. Wir lösen Konflikte, ohne Schaden zu nehmen. Wir achten die Bedürfnisse des Anderen. Es gibt Lösungen für beide. Wir treffen gemeinsame Verabredungen", aber auch: "Ich lasse nicht zu, dass andere auf meine Kosten gewinnen."
In Ganztagsschulen wird laut des Referenten viel Hoffnung gesetzt, alleine seien diese mit allen Erwartungen aber überfordert, so dass eine Kooperation mit geeigneten außerschulischen Partnern geboten sei. Dann sei die Ganztagsschule eine "Chance, qualitativ in Schule voranzukommen und zur Lebensbereicherung beizutragen, so dass alle Seiten ihren Nutzen daraus ziehen können: Schüler, Eltern, Lehrer und die Gesellschaft insgesamt."
Wichtig sei eine "Pädagogik aus einem Guss", so Creutzburg. "Ein ,Bikini-Modell' mit getrenntem Vormittags- und Nachmittagsangebot reicht nicht aus. Die Kommunikation, Kooperation und Partizipation der Schule mit den außerschulischen Partnern, Eltern und den Schülern gehört zwingend zum Konzept einer Ganztagspädagogik." Auch innerhalb der Lehrerkollegien müsse sich die Kultur ändern: "Es ist Teamarbeit gefragt, die Probleme sind für Einzelkämpfer nicht lösbar. Die Lehrerinnen und Lehrer sollten auch Interesse am Unterricht ihrer Kollegen zeigen und nicht mehr die Türen zumachen. Wichtig ist es auch, sich mal für etwas Gelungenes zu loben."
Um die Voraussetzungen für ein Gelingen von Ganztagsschulen zu erforschen, haben einige Brandenburger Ganztagsschulen bereits Evaluationen durchgeführt; ab Herbst sollen auch landesweit externe Evaluationen stattfinden. Dazu kommen gemeinsame Fortbildungen von Lehrerinnen und Lehrern mit außerschulischen Fachkräften und der Aufbau eines Netzwerks mit gegenseitigen Schulbesuchen.
Großes Interesse an Ganztagsschulen
Als Vertreter der Landesregierung war Ulrich Rosenau, Referent im Ministerium für Bildung, Jugend und Schule und Koordinator für Ganztagsschulangelegenheiten, nach Finsterwalde gereist. Er berichtete, dass für das kommende Schuljahr 110 Anträge von Schulen auf Umwandlung in Ganztagsschulen eingegangen seien, von denen ein Drittel Anträge auf Förderung aus den insgesamt für Brandenburg bereitstehenden 130 Millionen Euro Bundesfördermittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" als "Anschubfinanzierung im sachlichen Bereich" gestellt hätten. Von den bestehenden 85 Ganztagsschulen hätten 17 Anträge eingereicht. Die Entscheidung über die Mittelvergabe - "wir geben das Geld komplett weiter" - falle am 1. Juni.
"Es gibt ein großes Interesse auch bei Eltern und Schülern, dass ihre Schule Ganztagsschule wird. Die Erfahrungen aus anderen Ganztagsschulen spornen dazu an", berichtete der Referent. Von den 110 Schulen bekämen 29 die Genehmigung; 22 hätten noch die Gelegenheit, bis zum 15. Mai ihr Konzept nachzubessern; 59 bekämen keine Genehmigung. "Manche sind noch nicht so weit", so Rosenau. "Die qualitative Weiterentwicklung erfordert einen langen Atem, da müssen wir auch geduldig mit uns selbst sein." Durch die bereits bestehende Hortbetreuung habe Brandenburg eine gute Ausgangslage, so dass der Rechtsanspruch auf Betreuung beibehalten werden könne. Jede vierte Schule im Primarbereich und jede dritte Schule im Sekundarbereich sollten Ganztagsschulen werden.
"Die Ganztagsschulen sind innere Baustellen", meinte Rosenau, "sie sind stark individualisiert, da wir aus dem Ministerium auch wenig Vorgaben machen. Um so wichtiger ist es, die Erfahrungen auf neue Schulen - besonders im Primarbereich - zu übertragen."
Ganz ohne Kritik konnte der Ministeriumsvertreter die Tagung allerdings nicht verlassen: Aus dem Plenum wurde ein klares Bekenntnis der Landesregierung zu den ganztägigen Förderschulen vermisst und bemängelt, dass das Förderkonzept von Schulen, das der Schulträger gutgeheißen hatte, auf einmal als nachbesserungswürdig abgelehnt worden sei. Zudem würden zwar Ganztagsschulen neu eröffnet, andererseits aber bereits bestehende zu Gunsten anderer Schulformen geschlossen. "Erst pumpt man Millionen in unsere Schule, nur um sie dann dichtzumachen", kritisierte eine Lehrerin der Gesamtschule Lauchhammer. Hintergrund sind die dramatisch sinkenden Schülerzahlen. Ulrich Rosenau verwies in diesem Punkt auf die Verantwortung der Schulträger.
"Was Schule anfasst, wird zu Schule"
Am Nachmittag spaltete sich das Plenum in vier Arbeitsgruppen, in denen sich jeweils Vertreter außerschulischer Partner vorstellten und mitdiskutierten. Auf die Gruppen verteilten sich eine Architektin, der Brandenburgische Museumsverband, die Kreisvolkshochschule Elbe-Elster und die Landeskooperationsstelle Schule-Jugendhilfe "Kobranet". Mit Katrin Kantak, Dr. Karl-Heinz Thimm und Dr. Jürgen Langer hatte "Kobranet" gleich drei Mitarbeiter zur Tagung entsandt - was dem hohen Informationsbedarf entsprach.
Zwar berichteten die Schulvertreter schon von zahlreichen Kooperationen ihrer Schulen beispielsweise mit der Freiwilligen Feuerwehr, Sportvereinen, einem Spielmannszug, der Verkehrswacht, der Polizei, der Arbeiterwohlfahrt, der Volkshochschule, einem Kreativzentrum in Falkensee, Künstlern wie einer Bildhauerin oder der örtlichen Bibliothek. Aber was genau Jugendhilfe leistet oder wie man einen Kontakt anbahnt, war weniger bekannt, so dass in einer Arbeitsgruppe Katrin Kantak eine gefragte Gesprächspartnerin war.
"Die Schule weiß oft nicht, was die Jugendhilfe überhaupt ist", konstatierte die Diplomlehrerin und Supervisorin. "Unter Jugendhilfe fasst man die freien Träger im Jugendbereich zusammen wie die Kindertagesstätten, die Horte, die Jugendbildungsstätten, die Jugendsozialarbeit, die Schulsozialarbeit oder die Streetworker. Bei der Suche nach Partnern aus diesem Bereich müssen sich die Schulen fragen, was ihre Kinder brauchen." Da könne es sehr hilfreich sein, in den Jugendtreffs am Ort nachzufragen, denn dort wisse man über die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen oft Bescheid. Die Broschüren der Jugendhilfe informieren über deren Angebot und im Internet gebe es den Bildungsserver Brandenburg sowie zahlreiche Seiten zur Jugendhilfeplanung, die über die Angebotspalette berichteten.
Schulen täten sich schwer, sich der Jugendhilfe zu nähern, da dieser das Etikett der Benachteiligtenförderung anhänge. Andersherum gebe es auch auf Seiten der Jugendhilfe die Scheu, Schulen anzusprechen. "Es gibt einen weit verbreiteten Spruch in der Jugendhilfe: Was Schule anfasst, wird zu Schule. Viele Jugendhilfemitarbeiter haben Angst, zu Hilfslehrern degradiert zu werden", so Frau Kantak. "Es muss eine Beteiligung auf gleicher Augenhöhe geben, und es darf nichts diktiert werden." Der Vorteil der Jugendhilfe als Kooperationspartner liege auch darin, dass hier keine Honorare von Seiten der Schule gezahlt werden müssten.
Aha-Erlebnisse durch Aufeinanderzugehen
Das Aufeinanderzugehen bringe Aha-Erlebnisse mit sich, berichtete die Kobranet-Mitarbeiterin aus eigener Erfahrung. Einig war man sich in der Arbeitsgruppe, dass bei den Kooperationen viel von den jeweiligen Personen abhänge. Die neuen, vom Land geforderten Verträge, welche die Schulen mit den jeweiligen Kooperationspartnern schließen müssen, wurden nicht nur in einer Arbeitsgruppe als "Hemmnis" betrachtet. Ein Schulleiter äußerte die Befürchtung, die detaillierten, seitenlangen Verträge könnten seine bisherigen, auf Grundlage einer Vereinbarung arbeitenden Kooperationspartner abschrecken - was von anderen Schulvertretern bestätigt wurde: "Eine Kooperation, die läuft, kann an einem Papier kaputtgehen." Hier wünschten sich die Schulvertreter weniger "Formalismus". Auch die Vorgabe, auf lange Sicht "fünf bis zehn Kooperationspartner" vorweisen zu müssen, lehnte man ab: "Das führt zu oberflächlichen Vertragsabschlüssen nur der Abschlüsse wegen."
Einer Kooperation geht in jedem Fall ein Kennenlernen und ein Gedankenaustausch voraus. In diesem Sinne konnte die Tagung in Finsterwalde einen Beitrag leisten. Auch juristische Fragen wie das Antrags- und Genehmigungsverfahren konnten erörtert werden, so dass jeder der Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas mit nach Hause nahm, um das Mögliche geschehen zu lassen - mit viel Arbeit und ohne Illusionen, wie es das Fazit einer Arbeitsgruppe zusammenfasste: "Ganztagsschulen sind kein Allheilmittel, aber sie können helfen, Probleme bei Schülerinnen und Schülern besser zu bewältigen."
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 13.04.2004
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