Bereits zum fünften Mal versammelten sich über 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland im berliner congress centrum (bcc), um sich über Ganztagsschulen auszutauschen, Ideen aufzunehmen und Anregungen zu vermitteln. Das Motto des diesjährigen Ganztagsschulkongresses am 12. und 13. September 2008 lautete "Schule gemeinsam gestalten - Partizipation an Ganztagsschulen". Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan erklärte: "Es ist viel erreicht und außerordentlich gute Arbeit geleistet worden. Ich setze mich für eine Fortsetzung dieser Arbeit ein."
Routine, Ermattung, Ermüdung? Nichts von alledem. Auch der 5. Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Kultusministerkonferenz (KMK) in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) schaffte es wieder, über 1.300 Interessierte aus ganz Deutschland zu versammeln, Aufbruchstimmung zu vermitteln und - so eine Einschätzung von Prof. Benedikt Sturzenhecker, der als Experte zum Kongress geladen war - "90 Prozent der Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer" zufrieden zu stellen. "Der Kongress war auch getragen von Heiterkeit und Freude, weil man erkennen konnte, was in den letzten Jahren geschehen ist und das dies nicht der letzte Kongress war", so der Erziehungswissenschaftler von der Universität Hamburg.
Nicht zuletzt die zahlreich anwesenden Schülerinnen und Schüler gaben dem Kongress ein eigenes Gesicht. Bei Veranstaltungen zum Thema Schule wird oft bekrittelt, dass diejenigen, um die es letztlich geht, kaum oder gar nicht vertreten sind. Das traf am 12. und 13. September 2008 im bcc am Alexanderplatz wahrlich nicht zu. Dem Thema "Schule gemeinsam gestalten - Partizipation an Ganztagsschulen" angemessen waren diesmal über 200 Kinder und Jugendliche dabei - so viele wie nie zuvor. Sie hatten sich schon seit Monaten auf den Kongress vorbereitet, brachten sich nun in den Workshops und Foren ein und ergriffen das Wort. "In einer Forenphase zum Beispiel waren es die Schüler und Schülerinnen, die den Lehrern so überzeugend erklären konnten, wie die Schule der Zukunft aussehe, dass sie sofort als Veränderungsreferenten engagiert wurden", berichtete Benedikt Sturzenhecker.
Demokratische Diskussionskultur auf dem Kongress
"Die wertvolle Erfahrung, für sich selbst und gemeinsam mit anderen etwas bewegen zu können, gibt es nur in der Praxis", erklärte Eva Luise Köhler, die Vorsitzende der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, in ihrer Eröffnungsrede. Das gilt nicht nur für Partizipation in Schulen, das galt auch für den Kongress selbst. Gottfried, einer der teilnehmenden Schüler, zog seine persönliche Kongressbilanz: "In den Workshops wurden Eltern und Schüler überraschend ernst genommen. Hier herrschte demokratische Diskussionskultur. Das ist gut. Das ist aber auch schlecht, weil meine Überraschung zeigt, dass es sonst nicht so ist."
"Daher begrüße ich es besonders, dass auf diesem Kongress konkret darüber nachgedacht wird, was wirkliche Teilhabe ausmacht, wo manchmal auch ihre Grenzen oder Stolperfallen liegen, aber vor allem wie wirkliche Teilhabe umgesetzt werden kann", so die DKJS-Vorsitzende. "Die Ganztagsschulen bieten Chancen für gelungene Teilhabe und neuartige Formen des Lernens, weil sie strukturell und konzeptionell ideale Voraussetzungen hierfür haben. Dort, wo diese Voraussetzungen genutzt werden, wo man sich die Mühe macht, alle am Schulleben Beteiligten einzubinden, ihnen ernsthaft Gehör und Raum zur Mitgestaltung gibt, können sich neuartige und beispielhafte Formen des Lernens und Miteinanderlebens herausbilden."
Eva Luise Köhler: "Partizipation an Ganztagsschulen Chance und Verpflichtung zugleich"
Partizipation und Teilhabe bildeten die Grundlagen einer funktionierenden Demokratie. "Es ist daher unerlässlich, dass Kinder von klein auf altersgerecht und mit Freude Verantwortung übernehmen, dass sie lernen, den anderen zu respektieren, auch wenn er eine andere Meinung hat, und dass sie selbst etwas bewirken können", so Eva Luise Köhler weiter. "Ganztagsschulen sind Orte, an denen demokratische Beteiligungsprozesse ein Zuhause haben." Dies sei Chance und Verpflichtung zugleich.
Die Erziehung zu Demokratie und Partizipation setze dabei voraus, so die Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. Annette Schavan - indem sie sich auf Hartmut von Hentig bezog -, "Erfahrungen damit zu sammeln und das Gefühl zu bekommen, gebraucht zu werden". Das Kongressthema passe wunderbar zu dem eingeschlagenen Weg Deutschlands hin zur Bildungsrepublik: "Das Interesse der Generationen aneinander ist wichtig", und dieses werde durch die Partizipation verschiedener Gruppen ebenso erreicht wie durch die bessere Verzahnung von Lern- und Lebenswelten in Ganztagsschulen.
Schule sei mehr als die Aneinanderreihung von Schulstunden. "Entscheidend sind die Netzwerke, die helfen, an der Biographie jeder einzelnen Schule zu schreiben", so die Ministerin weiter. Auch die Konzepte für Ganztagsschulen seien von Standort zu Standort unterschiedlich, sie müssten den jeweiligen Erwartungen und den verschiedenen Ausgangslagen angepasst sein.
Annette Schavan: "Bund will sich weiter in der Unterstützung der Ganztagsschulen engagieren"
Bei der Konzeptentwicklung und der Weiterentwicklung von Ganztagsschulen haben sich der Bundesministerin zufolge die Serviceagenturen "Ganztägig lernen" in 14 Bundesländern als "hervorragende Partner" erwiesen. Auch im gesamten Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der DKJS sei "außerordentlich gute Arbeit" geleistet worden. "Ich setze mich für die Fortsetzung dieser Arbeit über 2009 hinaus ein", kündigte Annette Schavan an. "Es gehört zur öffentlichen Verantwortung, die Schulen in ihrer Entwicklung zu unterstützen."
Während durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes seit 2003 viel erreicht worden sei, indem die Zahl der Ganztagsschulen von rund 1.000 auf nun knapp 7.000 gesteigert werden konnte, gehe es zukünftig darum, die Schulen pädagogisch weiterzuentwickeln - zum Beispiel bei den Themen Verzahnung von Bildung und Betreuung und der Rhythmisierung des Schultags. Dies habe die gerade vorgestellte zweite Auswertung der bundesweiten "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) gezeigt. Auch diese vom Bund geförderte Begleitforschung müsse fortgeführt werden, denn sie sei "eine wichtige Erkenntnisquelle für die Länder in der Schulentwicklung".
"Letztendlich können wir viel auf den Weg bringen - am Ende entscheiden aber die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern, ob ihre Herzen erreicht werden und ob sie Interesse aneinander haben", schloss die Ministerin. "Keine klugen Reden in Berlin, sondern sie selbst sind dafür verantwortlich, was in ihren Schulen Wirklichkeit wird."
Annegret Kramp-Karrenbauer: Ganztagsschulen einbetten in familiäre und kommunale Realitäten
Der Weg zur Bildungsrepublik führt dabei auch über die Bundesländer, betonte Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede an die Kongressteilnehmer. Die saarländische Bildungsministerin und KMK-Vorsitzende zeigte sich überzeugt, dass Deutschland in ein paar Jahren über ein Ganztagsschulsystem verfüge. "Wenn wir beim Ausbauprozess die Eltern mitnehmen, dann ergibt sich die Flächendeckung von selbst", meinte die Ministerin.
Gefährlich sei eine Heilserwartung an die Ganztagsschulen, sie könne alle Probleme zugleich lösen. "Wir dürfen die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen", forderte Annegret Kramp-Karrenbauer. "Ganztagsschule darf auch nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern muss in familiäre und kommunale Realitäten eingebunden werden. Dazu muss es gelingen, ehrenamtliches Engagement und Vereine in die Schulen hereinzuholen, ohne bestehende, bewährte Strukturen zu zerschlagen. Und schließlich muss man beim Thema Partizipation die Schüler ernst nehmen. Wenn wir sie nicht einbeziehen in Entscheidungsprozesse, dann findet die Ganztagsschule keine Akzeptanz. Die Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur in der Schule lernen, sondern auch Freude an ihrer Schule haben."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 16.09.2008
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